III - Kapitel 1
20.Apr.21 .. 23:46 Uhr
Seite: - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11 - 12 - 13 - 14 - 15 - 16 - 17 - 18 - 19 - 20 - 21 
Startseite

Teil I
Kapitel: I/1 - I/2 - I/3 - I/4 - I/5

Teil II
Kapitel: II/1 - II/2 - II/3 - II/4 - II/5 - II/6 - II/7 - II/8 - II/9

Teil III
Kapitel: III/1 - III/2

Orte, Personen

Hilfe, Technik

Platzhalter

Im Wald << Seite 1 >>

Es dauerte einige Tage, bis Paul nach dem Besuch bei der abgestürzten „Blue Öyster“ wieder völlig ansprechbar war.

Den Rückweg nach Negs hatte er nur unter Drogen geschafft, was seine Gesundung zusätzlich erschwerte.

Nach einer Woche waren seine Freunde auf dem Hof am Fluss über die abenteuerliche Reise von der Erde nach Terkan informiert.

„Einige Dinge sind uns an eurer Geschichte damals eigenartig vorgekommen,“ erinnerte Dagolesian an das erste Zusammentreffen der Raumschiffbesatzung mit den Negsern.

„Aber du weißt ja, wir haben nur wenig Kontakt zu den anderen Städten auf unserer Welt. So haben wir gedacht, dass wir von eurer Stadt noch nichts gehört haben.“

Nachdenklich meldete sich Eld zu Wort.

„Ich verstehe nicht, wieso die Leute, die du zu deinen Freunden zählst, nicht die Macht im Wald übernehmen und euren Anführer ruhigstellen. In unseren Bergwerken ist noch Platz für solche Leute.“

Paul runzelte etwas die Stirn. Negser, die den Stadtfrieden nachhaltig störten, wurden zu einer bestimmten Zeit Zwangsarbeit verurteilt, das hatte er irgendwann einmal herausgefunden. Nicht gerade humaner Strafvollzug nach irdischen Masstäben, aber den Negsern blieb wohl weder Zeit noch Mittel, sich um eine aufwändigere Form der Resozialisierung zu kümmern. Nun, die Führer der Allumfassenden Gemeinschaft würden sicher prächtige Bergarbeiter abgeben.

Und zur Untätigkeit seiner Freunde hatte er eigentlich auch nur eine Erklärung.

„Die Fanatiker sind eine große und geschlossene Gruppe von Menschen, die zu allem entschlossen scheinen. Schon eine kleinere Gruppe könnte den Rest unterdrücken, wenn sie nur konsequent genug vorginge. Stellt euch einfach nur vor, die Knn würden hier eine Diktatur einrichten wollen, also eine richtige Diktatur, ihr hättet kaum eine Chance.“

Er sah in Gesichter, die Ratlosigkeit und Unverständnis ausdrückten.
Im Wald << Seite 2 >>

Der große und grandios fehlgeschlagene Angriff der Menschen auf Negs war mittlerweile ein halbes Jahr her. Die Negser waren aber weiterhin wachsam. Vor allem seitdem Paul wieder aus dem Wald zurück war, hatte Redala, die für das Militär zuständig war, die Wachen wieder etwas intensivieren lassen. Jetzt verfügte sie, dass die Informationen, die Paul ihnen über seine Herkunft gemacht hatte zunächst nur einem kleinen Kreis der Führung von Negs zugänglich werden sollte. Gleichzeitig wollte man mit den Knn Kontakt aufnehmen, um mit ihnen gemeinsam die ständig vorhandene Gefahr von Angriffen oder womöglich Sabotageakten aus dem Wald besser begegnen zu können.

Die Verhandlungen mit den Knn waren sehr langwierig und kompliziert. Im Prinzip schienen sie einer Zusammenarbeit nicht abgeneigt zu sein, aber es ging dann natürlich um Fragen der Kompetenz, der Führung, der Zuständigkeit und natürlich um die Ehre von Knn.

Das Leben am Fluss ging seinen gewohnten Gang. Wiesen mussten gemäht, Felder gepflügt, Gemüsekulturen gepflegt und Vorräte angelegt werden. Die vegetationsarme Jahreszeit stand bevor.

Abends saßen sie oft im Hof und diskutierten Möglichkeiten eines Angriffs auf den Wald, von Verhandlungen mit den Knn, aber man fand keine wirklich befriedigenden Möglichkeiten.

Oft war Dagolesian bei ihnen, half bei der Arbeit, aß, trank, sang und diskutierte mit ihnen.

Paul fragte sich an solchen Tagen oft, wie diese Gesellschaft funktionierte.

Dagolesian war Wissenschaftler, aber auch in der politischen Führung von Negs tätig. Da seine Frau Redala ebenfalls in der obersten Führung von Negs mitwirkte, gehörte er sicher zu den zwei oder drei wichtigsten Personen in dieser Stadt. Trotzdem half er hier auf dem Hof, der eigentlich von Olami, Eld, Hedolg und Roguli bewirtschaftet wurde. Beiden Paaren gehörte jeweils noch ein Haus in der Stadt, in denen sich die Kinder auch dann aufhielten, wenn die Eltern auf dem Hof arbeiteten.

Alle waren weitläufig miteinander verwandt. Sie sprachen, warum auch immer, nur ungern darüber, aber wenn Paul es richtig verstanden hatte waren Olami und Hedolg Cousins dritten Grades und Dagolesian ein Onkel zweiten Grades von Roguli. Wenn man die völlig gegensätzlichen Staturen der beiden sah, musste man zu dem Schluss kommen, dass die Vererbung auf Terkan anders funktionierte als auf der Erde.

Im Wald << Seite 3 >>

Pauls Arbeit umfasste unter anderem die Aufgabe, einmal pro Woche in den Forst flussaufwärts zu fahren um Holz zu besorgen. Es gab zwei Arten von Wald dort. Die erste war eine traditionelle Anpflanzung aus vier oder fünf unterschiedlichen Baumarten mit geraden Stämmen zur Gewinnung von Bauholz, die bis zu hundert Jahre alt waren. Die zweite Art Wald war niedriger. Alle zwanzig Jahre wurden die Bäume gefällt. Die meisten Stämme wurden zu Holzkohle verarbeitet, aus der Rinde gewann man Gerbmittel und einfache Arzneien, die dünnen Äste und die Zweige wurden gebündelt und beispielsweise zur Beheizung der großen Backöfen genutzt. Die Wurzelstöcke trieben nach dem Fällen der Bäume schnell wieder aus, so dass auf diesen Flächen eine ausgesprochen hohe Holzproduktion erreicht wurde.

Diese Wälder waren licht, es gab viele Büsche, Kräuter, Gräser. Paul legte sich gern ins Unterholz, genoss den Duft der Pflanzen, das Gewusel im Gras und das angenehm frische Klima, das auch an heißen Tagen herrschte.

Eines Tages war er eingenickt, wie es ihm oft passierte. Normalerweise weckten ihn die Rinder, wenn es ihnen zu langweilig wurde, aber an diesem Tag war das Wecken anders als sonst. Er hörte eine Frauenstimme und dreht sich in die Richtung des Busches, aus der sie kam.

Er brauchte nur eine Sekunde um richtig wach zu werden.

„Andra,“ flüsterte er. „Wie kommst du hierher?“

„Kann ich rauskommen oder laufen hier Leute rum, die ich übersehen habe?“ war die Antwort.

Auf sein Zeichen kam sie aus dem Busch. Paul hätte sie am liebsten umarmt und geküsst, aber dann bewahrte er doch die Contenance.

„Wie kommst du hierher? was willst du? bist du allein?“

Viele Fragen auf einmal!

Im Wald << Seite 4 >>

Andra berichtete, dass im Talwald kein rechter Frieden mehr herrschte. Seitdem Jonas von Paul getötet worden war, machte sich Misstrauen breit. Die Allumfassenden neigten mehr und mehr zu einer gewissen Paranoia und begannen, ein immer autoritäreres System zu errichten. Es gab sicher noch eine große Anzahl von Leuten, die fest zu ihnen standen, aber vielen wurde der religiöse Fanatismus unheimlich und bedrohlich.

So hatten sich einige entschlossen, zu Negs Kontakt aufzunehmen und sich der dortigen Bevölkerung anzuschließen und sie war als Kundschafterin ausgewählt worden.

„Eine gute Wahl. Und eine erfreuliche Wahl.“ meinte Paul.

Sie hatten sich einiges zu erzählen, schließlich versteckte Paul Andra unter dem Holz und sie bewegten sich Richtung Hof.

Als sie ankamen, trafen sie nur Hedolg an. Der schaute ausgesprochen misstrauisch auf Andra, allen Beteuerungen von Paul zum Trotz, dass es sich um einen freundlich gesinnten Menschen handelte.

Auf dem Weg zum Hof hatte Andra Paul ihre Pläne beschrieben. Der Teil der Menschen, die mit Kunold und den seinen nichts mehr zu tun haben wollten sollten nach Negs kommen, sich in die Gesellschaft soweit wie möglich eingliedern. Der Rest sollte im Wald bleiben und ein Verbot erhalten, sich Negs zu nähern.

Paul spielte den Übersetzer. Andra war zwar auch mit den Grundlagen der negser Sprache vertraut, aber die Feinheiten beherrschte sie natürlich nicht.

Hedolg schwang sich auf den Karren vor dem Haus und fuhr in die Stadt mit dem Versprechen, in einer Stunde mit Dagolesian und Redala zurückzusein.

In der Zwischenzeit richteten Andra und Paul im Stall ein Nachtlager her. Paul hatte Andra großherzig sein Bett überlassen, er blieb gern bei den großen Rindern. Sie unterhielten sich über die Leute, die mit ihr nach Negs kommen wollten.

„Kado wird nicht dabeisein?“ fragte Paul ungläubig.

Andra wiegte den Kopf.

„Er ist der Religion verfallen. Kunold hat ihn zum Chef der Schutztruppe gemacht, das hat ihm wohl den Kopf verdreht.“

Im Wald << Seite 5 >>

Paul schwieg. Kado ein religiöser Fanatiker, von den Allumfassenden gekauft. Er konnte es nicht glauben. Andererseits wollte er auch Andra nicht misstrauen. Sie hatte ihm damals nach seinem Zusammenstoß mit Jonas aus seiner misslichen Lage geholfen und dabei auch ihr eigenes Leben riskiert. Damals hatte er aber das Gefühl gehabt, dass Kado auch eingeweiht war.

Und wieso hatte Andra so lange gezögert sich aus dem Wald abzusetzen?

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, setzte Andra zu einer Erklärung an.

„Es sind seit deiner Abreise noch einige unschöne Dinge im Wald passiert. Zwei weitere Leute werden vermisst und ich bin sicher, die wird auch keiner mehr finden. Ich musste noch eine Zeit lang dableiben, um eine Liste mit zuverlässigen Leuten zu erstellen, die ich mit nach Negs bringen wollte. Außerdem habe ich versucht, weiteres Verschwinden zu verhindern, das ist mir in einem Fall auch gelungen, da gibt es einige eifrige jugendliche Fanatiker, die man bremsen muss.“

Paul grinste.

„Leben die noch?“

Andra schüttelte unwillig den Kopf.

„Glaubst du ich würde jetzt mit dir plaudern, wenn ich einen von Sergej Kunolds jungen Leuten endgültig aus dem Verkehr gezogen hätte?“

Ein Schatten verfinsterte das Scheunentor und Andra schaute verwirrt hinüber.

Es war aber nur sein Lieblingsrind, das von der Weide zum Stall kam.

Er begrüßte es mit dem üblichen Tätscheln.

„Heute Nacht hast du Gesellschaft, ich schlafe bei dir.“

Das Tier grunzte zufrieden. Manchmal hatte Paul das Gefühl, die Rinder verstanden alles, was man ihnen sagte.

Im Wald << Seite 6 >>

Der Fluss war hinter dem langsam aufziehenden abendlichen Nebel nur noch zu erahnen, ein gedämpftes Glitzern im weichen Sonnenlicht. Vor ihnen lag der grün, gelb und braun gefleckte Teppich der Oase. In ihrem Rücken lag Negs über ihnen, eine braungelbe Burg, in der Ferne, jenseits des Flusses konnte man die Gipfel des Gebirges erahnen.

Flussaufwärts wie flussabwärts standen die Wälder, die von den Negsern sorgsam gepflegt wurden; weiter oben am Fluss lagen einige Mühlen. Paul setzte sich am Rand der kleinen Anhöhe, auf der der Hof lag, ins Gras. Es war ruhig und friedlich, so wie man sich das Mittelalter romantisierend vorgestellt hatte. Er würde sich an das Leben hier gewöhnen, nur eines riss ihm ein tiefes Loch ins Herz: seine Frau und seine Kinder würde er nie wiedersehen.

Andra sah ihn belustigt an.

„Du wirst zum perfekten Landmann. Dein Umgang mit diesen Tieren ist bemerkenswert.“

„Die Tiere sind bemerkenswert! Das ist eine der großen Rätsel von Terkan: die Tiere, die Pflanzen, das ist alles so erdähnlich. Und eine Geschichte scheint Negs auch nicht zu haben.“

„Wahrscheinlich ist Negs noch nicht so lange besiedelt. Das ist hier ganz schön abgeschieden. Du hast mal erzählt, dass die Negser nur zur Schneeschmelze Kontakt mit der nächsten Stadt hat, Sera oder so ähnlich. Die fahren dann schnell den Fluss herunter und kommen so schnell wie möglich zurück. Trotzdem passiert es alle paar Jahre, dass sie den Weg zurück nicht mehr schaffen, weil der Fluss vorher ausgetrocknet ist.“

Ein gutes Argument. Die Reise nach Sera war gefahrvoll. Irgendwann vor einigen hundert Jahren vielleicht waren ein paar mutige Entdecker von dort gekommen, hatten die Flussoase entdeckt und sich dort angesiedelt. Aber ungereimt blieb da trotzdem so einiges.

Nachdem sie das Tier mit Wasser und einigen Möhren erfreut hatten, traten sie vor die Scheune.

Andra hatte sich neben Paul gesetzt.

„Du denkst an deine Familie“, stellte sie fest.

Er sah sie an. Er mochte diese Frau, er bewunderte sie auch. Sogar Gedanken lesen konnte sie.

Im Wald << Seite 7 >>

Er zuckte mit den Schultern.

„Hast du niemanden zurückgelassen?“

„Doch. Meine Eltern, meine Geschwister, Freunde. Auch einen besonderen Freund.“

Dann, nach einer Pause.

„Ich werde mir auch etwas neues aufbauen müssen, hier, weit weg.“

Nach einem weiteren Zögern.

„Was bedeutet hier schon Zukunft? Wie kann es eine Zukunft geben ohne Vergangenheit? Und es gibt so wenig Leute, denen man wirklich vertrauen kann.“

Sie wirkte traurig, fast schon verletzlich. Diesen Zustand kannte Paul bei ihr nicht, er spürte das Verlangen, sie zu umarmen. Dann dachte er an seine Frau in einem fernen Universum, an seine unsägliche Verbindung mit Mona und daran, dass Andra mehr als zehn Jahre jünger war als er. Er verzichtete darauf, sich wieder zum Narren zu machen.

Rechts tauchte aus dem Nebel ein Wagen auf der Hauptstraße auf.

„Da kommen die Leute, denen du vertrauen kannst. Sie haben mich aufgenommen ohne viel zu fragen,“ sagte er auf den sich nähernden Wagen weisend. „Und ich hoffe, dass du mir so vertraust wie ich dir.“

Sie nahm seine Hand und sah ihn an, ein leichtes Lächeln in den Augen.

Der Wagen rumpelte die kleine Steigung hoch, dann sprangen Hedolg, Roguli, Dagolesian und einige andere mit lautem Hallo vom Wagen.

Den ganzen Abend sass man in der großen Stube zusammen und diskutierte. Tee wurde in Mengen getrunken, später auch eine Art Terkan-Cidre. Schließlich wurde man sich aber einig. Die Menschen erhofften ein sicheres Asyl in Negs, die Negser wiederum hofften zumindest auf das Prinzip „Teile und herrsche“. Sie wussten auch schon vorher darum, dass die Menschen eine wesentlich heterogenere Gruppe bildeten als die Knn, aber so konnten sie ziemlich sicher sein, dass nur noch wenige potenzielle Gegner im Wald blieben.

Die Verhandlungen zogen sich natürlich noch einige Tage hin. Die Knn mussten einbezogen werden, die Bevölkerung von Negs wurde einer kontrolliert stichprobenartigen Befragung unterzogen, aber dann war es so weit.

Erstaunlich glatt ging der Auszug der 185 vonstatten. Paul erkannte Hermfried, William und Jane, Andrus Vitsus, auch Gregory Ginlew war dabei, mit dem er auf der SunJester über die Theorien von Hntn bezüglich der Sprungpunkte diskutiert hatte. Überhaupt schienen sich vor allem die Naturwissenschaftler und Techniker auf ihre Seite zu schlagen.

Mona fehlte, natürlich, aber er vermisste sie nicht. Kado fehlte auch, ihn vermisste er schon.

Im Wald << Seite 8 >>

In den ersten Wochen gab es eine Menge Unruhe. Viele Negser waren verständlicherweise misstrauisch, die Knn erst recht. Die Menschen wurden aus Sicherheitsgründen zunächst über Negs verteilt, in keinem der Grüppchen waren mehr als vier Leute. Einige der Techniker begannen, sich in den Bergwerken umzusehen, um eventuell ein paar Tipps und Hilfen zu geben. Andere arbeiteten in den Mühlen. Außer den Windmühlen, die unübersehbar das Tal der Negs beherrschten, gab es einige Wassermühlen oberhalb des Waldes. Dort befanden sich auch Anlagen zur Herstellung von Papier, Keramikgrundstoff und Glas, Hammerwerke, große wasserbetriebene Sägen, also der grobe, laute und schmutzige Teil der Produktion von Negs. Die Rohstoffe wurden nach Negs transportiert und dort weiterverarbeitet.

Immer, wenn sich ein paar der Menschen trafen, waren sie voller Bewunderung darüber, wie perfekt die Technologie und Organisation der Negser war. Einige der Technikexperten waren regelrecht frustriert, da sie oft von den Negsern lernten und nicht umgekehrt. Der ein oder andere Hinweis konnte schon gegeben werden, so hatten die Negser begonnen, richtiges Porzellan herzustellen, da die Rohstoffe zwar nicht im Übermaß, immerhin aber vorhanden waren.

In der beginnenden Trockenzeit wurde das Leben etwas ruhiger. Die Ernte war eingebracht und verarbeitet und man konnte sich häufiger der reinen Muße hingeben.

In dieser Zeit traf Paul auch wieder einmal mit Andra zusammen, er hatte sie mehr als einen Monat lang nicht zu Gesicht bekommen. Sie brachte einige der neu hergestellten Porzellantassen mit, die auf dem Hof ausgiebig bewundert wurden. Sie ließen Eld und Roguli auf dem Hof zurück und gingen Richtung Fluss. Andra hatte sich ein paar Angeln ausgeliehen, sie wollte versuchen, etwas Abwechslung in den Speisezettel zu bringen. Die einzige große Brücke über den Fluss führte über eine Insel, an deren flachen Ufer sie sich niederließen.

Sie plauderten über ihre Beobachtungen der Zeit seit dem Auszug der Menschen aus dem Wald. Eigentlich war das Zusammenleben der drei verschiedenen Völker problemlos, die religiösen Fanatiker waren schließlich im Wald geblieben.

Im Wald << Seite 9 >>

Der Kontakt zu den Knn war nach einer Pase des Misstrauens wieder intensiver geworden. Sie hatten mittlerweile nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen verstanden, dass die Gruppe der Menschen viel unterschiedlicher in ihren Auffassungen waren als sie selbst.

Paul hatte auch schon zwei Abende mit Oggrd und Brzz verbracht, wobei sich Oggrd ungewöhnlich wort- und gestenreich für die Behandlung mit dem Wahrheitstrank entschuldigt hatte.

Paul hatte ihn beruhigt, da er im Rückblick gut nachvollziehen konnte, dass die Knn keinem der Menschen mehr getraut hatten. Und die Behandlung hatte er schließlich überlebt.

„Seit eurer Ankunft hier in Negs ist alles richtig gut gelaufen,“ meinte Paul zu Andra. „Was mich immer noch erstaunt ist, dass der Auszug unserer Leute von den Mannen Kunolds so problemlos akzeptiert wurde.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Tja, da hat die stille Post gut funktioniert.“

„Da hätte Kunold doch Wind von bekommen müssen. So viele Leute halten doch nicht die Klappe. Oder funktioniert der Geheimdienst nicht mehr?“

Andra blieb einsilbig, was Paul nachdenklich machte. Irgendeiner der Allumfassenden hätte es merken müssen, Kado hätte es sicher merken müssen. Überhaupt Kado!

„Mit Kado, das will mir nicht in den Kopf. Der ist doch nicht ernsthaft zum Religionsfritzen geworden. Da steckt doch was anderes hinter.“

Paul sah Andra kritisch an. Die schaute grübelnd auf den Fluss hinaus.

Im Wald << Seite 10 >>

„Heute beisst aber auch nichts an.“

„Du lenkst ab. Mädel, hier ist was oberfaul, du verheimlichst mir was.“

Andra schwieg und sah etwas unglücklich aus.

„Kado ist so eine Art Spion im feindlichen Lager. Er soll uns warnen, falls sich da was zusammenbraut. Aber behalt das für dich.“

Paul schüttelte den Kopf.

„Du wirst es nicht glauben, das habe ich auch schon in Erwägung gezogen, aber das würde nicht solche Heimlichtuerei zur Folge haben.“

Andra sah weiter stumm auf ihre Angel. Paul setzte nach.

„Ich habe dich offenbar erwischt. Du bist sonst der Fels in jeder beliebigen Brandung – ich bewundere dich deshalb, nebenbei gesagt, ich wünschte, ich hätte etwas davon. Aber jetzt bist du irgendwie eigenartig.“

Schweigen.

„Es muss etwas sein, was mir Angst machen würde.“ Paul dachte einen Moment lang nach. „Der ganze Planet hier stinkt zum Himmel, irgendetwas stimmt nicht damit. Hängt es damit zusammen?“

Endlich setzte Andra zu einer Antwort an.

„Jaja, du hast schon recht, da stinkt einiges. Ich will dir erzählen, warum Kado im Wald bleibt und bleiben muss. Wir haben ausgelost, wer welche Gruppe begleitet.“

„Ach so, jetzt ist es mir klar!“

Andra runzelte die Stirn.

„Keine Scherze, das ist ernster als du vielleicht denkst. Und du musst es unbedingt für dich behalten.“

Paul nickte und Andra fuhr fort.

„Erinnerst du dich daran, dass ziemlich kurz nach unserer Landung einer von uns gestorben ist?“

„Ja, Morten Dingsbums, den haben doch Kunolds Leute verschwinden lassen.“

Andra widersprach.

„Nein, früher. Rastach Sunsi, erinnerst du dich?“

Das hatte er schon vergessen, er hatte es damals auch nur am Rande mitbekommen. Jetzt fiel es ihm aber wieder ein. Sunsi hatte sich bei der Landung etwas verletzt und war dann im Wald ernsthaft erkrankt. In dieser unruhigen Zeit hatte Paul sein Schicksal nicht weiter verfolgt.

Im Wald << Seite 11 >>

„Nun gut, er ist tot, aber das kann doch nicht das entsetzliche sein.“

„Nein, sein Tod an sich nicht, aber lausche gut, mein lieber Paul. Kurz bevor er starb, verschwand er im Wald und zwar in der Richtung, in der du auch verschwunden bist, nachdem dich Kunolds junge Leute fast erschlagen haben. William hat mir die Geschichte von deiner Flucht erzählt.“

„Ich fürchte mich immer noch nicht! Hast du ihn gefunden und begraben?“

„Gefunden ja, begraben nein. Als Kado sein Verschwinden bemerkt hatte, sind wir seinen Spuren gefolgt. Er hat zwei oder drei Kilometer auf dem Trampelpfad zurückgelegt, dann ist er Richtung Waldinneres abgebogen. Nach weiteren drei Kilometern haben wir ihn gefunden.“

Sie schüttelte sich, ihr Gesicht war etwas blass geworden. Paul sah sie erstaunt an.

„Und dann? Du hast doch sicher auch vorher schon mal einen Toten gesehen.“

Andra sah ihn an, ernst, nachdenklich.

„So einen noch nicht. Es war Rastach Sunsi, aber er war es auch wieder nicht. Da lag ein etwa menschengroßer tonnenförmiger Körper mit kurzen, vielleicht 30 Zentimeter langen Beinen. Einen Kopf gab es nicht, von den vier Augen waren zwei oben auf dem Deckel der Tonne, zwei weitere in der Nähe des oberen Randes. An den langen, nennen wir es mal Arme, hatte er gut ausgebildete Hände mit acht Fingern, die Füße waren dafür einfach nur blockförmig. Die Tonne war schon von Tieren, vermutlich Ratten angefressen worden. Blut war herausgeflossen, aber ein Skelett oder Organe in unserer Art haben wir nicht gefunden.“

Andra schüttelte sich. Paul hatte zunächst ungläubig zugehört, ein leichtes Kribbeln lief über seinen Rücken. Dann fasste er sich wieder.

„Eine fremde Lebensform aus dem Wald, ihr habt Sunsi verfehlt!“

Andra sah ihn etwas unwirsch an.

„Wir sind nicht blöde, die Spuren von Sunsi führten an diese Stelle, kein Zweifel. Und wir können sowas beide sehr gut, verlass dich drauf.“

Paul hob entschuldigend die Hände und Andra fuhr fort.

„Ausserdem: die Tonne hatte noch die Reste von Sunsis Kleidung an, wenn man das so sagen kann. Es war Sunsi. Oder etwas, in das sich Sunsi nach seinem Tod verwandelt hat.“

Im Wald << Seite 12 >>

Sie schauten eine Zeitlang schweigend auf den Fluss. Paul fragte sich, wieso er nicht erschrockener war über das Erscheinen einer weiteren Lebensform. Vermutlich hatte er im Unterbewusstsein schon eine solche Möglichkeit für wahrscheinlich gehalten, nachdem er diese große Metallplatte im Wald entdeckt hatte.

Ein Fisch biss bei Andra an, eine Forelle in Hechtgrösse. Beiläufig zog sie das Tier an Land, tötete es mit einem kleinen Hammer und warf die Angel wieder aus.

Paul hatte nachgedacht.

„Wieviel Leute wissen davon?“

„Drei.“

„Wer denn alles?“

Andra sah ihn gespielt mitleidig an, dann zählte sie ihm an den Fingern vor wie einem kleinen Kind.

„Also der Daumen, das ist Kado, der Zeigefinger bin ich und der Mittelfinger, na? Das bist du!“

Paul schlug sich leicht auf die Stirn. Wenigstens schien sie ihren Humor wiedergefunden zu haben.

„Gut, in meinem Alter dauert das alles ein wenig länger. Nur wir drei?“

Sie nickte.

„Und Kado wird mich wahrscheinlich erschlagen wenn er erfährt, dass ich dich eingeweiht habe.“

„Warum denn die Geheimniskrämerei?“

„Wir wollen sehen, ob, oder besser wo sich noch mehr dieser fremden Lebensformen befinden. Und die sollen auf keinen Fall etwas davon merken, dass wir sie überhaupt entdeckt haben. Kado passt im Wald auf, ich passe hier auf. Deshalb auch die Trennung, die Kontrolle der Allumfassenden ist nur ein Nebeneffekt. Deshalb haben wir uns auch seit der Landung von den anderen, auch von dir, ziemlich fern gehalten.“

Paul nickte gedankenverloren, dann fiel noch etwas ein.

„Habt ihr eigentlich eine Autopsie gemacht?“

Andra schaute erstaunt, dann gab sie ihm ernst Antwort.

„Natürlich. Kado hatte den Koffer mit dem Besteck gleich mitgenommen und ich hatte das kleine Lehrbuch bei mir.“

„Welches Lehrbuch?“

„Na, 'Werde Exopathologe in 5 Minuten', welches denn sonst!“

Im Wald << Seite 13 >>

Jetzt übertrieb es Andra aber. Gut, die Frage war wirklich zu dumm gewesen. Dann ergänzte Andra noch etwas.

„Wir sind zwei Tage später noch einmal zu der Stelle gegangen. Und da haben wir nichts mehr gefunden. Garnichts mehr, nicht mal Spuren! Wir vermuten natürlich, dass irgendwo noch weitere getarnte Tonnen rumlaufen.“

Paul saß eine ganze Weile da, grübelte und versuchte, die Informationen zu verarbeiten.

„Jeder könnte doch so eine Tonne sein! Wie komme ich eigentlich zu der Ehre, dass du es mir erzählt?“

„Ich habe mich mit Kado schon direkt nach dem Fund im Wald darüber unterhalten, wen wir im Notfall einweihen könnten, und dabei ist dein Name ganz weit vorn auf unserer gedachten Liste gewesen. Also wirklich ganz weit vorn. Neben persönlichen Erwägungen bist du wie auch William einer der bestdurchleuchteten Expeditionsteilnehmer, weil du auf eine so erstaunliche Art von der SUNJESTER erfahren hast.“

Paul lachte.

„Ja ja, Paul Aabdahl, der erste im Alfabet. Aber was war mit Sunsi? Hatte der eine astreine Biografie?“

„Da gab es nicht viel, der gehörte zu den Wirtschaftsleuten, deren Lebenslauf hatten wir nur unvollständig.“

Dann fiel Paul die große Metallplatte wieder ein.

„Du hast mir was erzählt, jetzt erzähle ich dir was. Wenn ich recht überlege, steht das vielleicht in einem engen Zusammenhang mit deiner Geschichte.“

Dann berichtete er von seiner ersten Flucht, von Manfreds Verfolgung und seinem schnellen Ableben.

Andra war gespannt.

„Ist der auch zur Tonne geworden?“

Paul musste sie enttäuschen. Er schilderte die Beerdigung und dann die Entdeckung der riesigen Metallplatte auf der Lichtung.

„Und in die Richtung ist Sunsi offensichtlich gelaufen,“ schloss er seinen Bericht.

Im Wald << Seite 14 >>

Andra war wieder hellwach, ihre alte Dynamik war wieder zu spüren.

„Was, so fünfzehn bis zwanzig tausend Quadratmeter?“

Sie rechnete kurz nach.

„So viel Metall? Das gibt's doch nicht, damit könnte man mehrere Eiffeltürme bauen! Das hat was mit Sunsi zu tun, das muss was damit zu tun haben! Genauer gesagt nicht mit Sunsi persönlich, sondern mit den Tonnen.“

Paul nickte, dann fuhr er fort.

„Mit diesem Planeten stimmt auch was nicht. Es gibt keine Geschichtsschreibung in Negs, das ist schon eigenartig genug, Tiere und Pflanzen sind auf eine unglaubliche Art den irdischen ähnlich. Und: es gibt keine Fossilien. Es müsste doch welche geben. Eine versteinerte Muschel, ein Blatt, ein kleiner Dinosaurier. Und dann überleg doch mal: wir durchkreuzen das halbe Weltall, nur um hier dann Apfelsaft, Hühnereintopf und Forelle Müllerin zu essen. Da fehlt doch nur noch ein Alphorn.“

Andra sah in skeptisch an.

„Vielleicht hat man noch nicht genau genug nach fossilen Spuren gesucht, vielleicht ist diese Flussoase wirklich erst seit wenigen hundert Jahren besiedelt. Aber der Rest, das ist schon komisch. Die Frage ist nur, gibt es eine Verbindung?“

„Sunsi und die Metallplatte im Wald? Sicher, würde ich sagen. Aber die Ungereimtheiten hier? Ich weiss nicht.“

Inzwischen waren ihre Bemühungen in der Nahrungsbeschaffung von weiterem Erfolg gekrönt. Sie waren einige Minuten damit beschäftigt, drei weitere Fische in den Korb zu der grossen Forelle zu legen. Sie sahen sehr appetitlich aus und Paul freute sich schon auf das, was Hedolg daraus zaubern würde.

Dann saßen sie aneinander gelehnt da und schauten auf den Fluss, dem die abendliche Sonne wie immer einen warmen goldbraunen Glanz gab. Schwalben jagten flach übers Wasser, um die dort schwebenden Insekten zu dezimieren.

Abendessen!

Sie nahmen den Korb und machten sich auf den Weg zurück zum Hof. Unterwegs sammelten sie noch zwei bestimmte Sorten Kräuter vom Wegesrand, die aus dem Fisch eine Delikatesse machen würden.

„Wir brauchen mehr Leute, die die Augen aufhalten,“ sagte Paul. „Wir müssen mehr Leute einweihen. Das kann doch eine gefährliche und aggressive Spezies sein, diese Tonnen. Die Erde ist womöglich in Gefahr.“

Im Wald << Seite 15 >>

Andra sah ihn schon wieder so mitleidig an.

„Soll ich dir den Korb abnehmen? Dann klappts mit dem Denken vielleicht besser.“

„Sag mal, woher hast du das mit den Sprüchen? Das ist doch meine Rolle, eigentlich!“

Andra grinste.

„In jeder Situation ein lockerer Spruch, sogar dann, wenns kritisch wird. Das hab ich bei dir kopiert.“

Paul wurde nachdenklich. Ihm imponierte bei Andra doch etwas wesentlich Substanzielleres als ihr bei ihm. Damit musste er sich wohl abfinden.

Dann dachte er nach, trotz des Korbs mit den Fischen. Sicher, die Erde war in Gefahr. Ausserdem brannte die Sonne schon seit geraumer Zeit und keiner kümmerte sich drum.

Er würde hier auf Terkan wohl lange suchen müssen, um jemanden zu finden, den das interessierte. Er würde sicher nicht mehr zur Erde kommen und die Tonnen, die hier womöglich noch unter ihnen waren gewiss auch nicht.

Doch dann kamen ihm Zweifel.

„Vielleicht hast du mit deinem Spruch doch nicht so recht, Andra. Klar, im Moment sieht es so aus, als würden wir die Erde nie wieder sehen. Aber diese Platte! Das waren die Tonnen, davon gehen wir mal aus. Wozu das Ding? Um aller Welt zu zeigen, wie grossartig sie in der Bearbeitung von Metallen sind? Dann hätten sie das sicher nicht so schön vergraben. Und bedenke, diese Lämpchen, die blinken immer noch, seit wann wohl? Das ist irgendetwas funktionsfähiges, nur wozu? Ich sag dir, das ist noch nicht raus, dass wir hier unsere Rente kriegen!“

Andra ging nachdenklich neben ihm her.

„Diesmal scheinst du etwas weiter gedacht zu haben. Ich verstehe was du meinst und ich glaube, da ist was dran. Und ich glaube, wir müssen wirklich noch zwei oder drei Leute mit einweihen, die mit aufpassen.“

Sie diskutierten einige Möglichkeiten. Andra hatte ein phantastisches Gedächtnis für die Sicherheitsdaten der Expeditionsteilnehmer von der Erde, gut, es war natürlich ihr Job. Paul hätte natürlich gern William dabeigehabt, aber Andra lehnte ab.

„William selbst wäre ohne Frage ein geeigneter Kandidat, aber seine Frau spinnt so ein wenig, religiös meine ich. Das ist immer ein bischen unkalkulierbar.“

Einig waren sie sich über Andrus, Andra fragte Paul nach seiner Meinung übr Gregory Ginlew.

„Trocken, aber nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Ich habe ihn bei der Evakuierung und auch bei unserem Fastabsturz nach Terkan einige male gesehen. Ein Stoiker.“

Im Wald << Seite 16 >>

Weder die Terkaner noch die Knn sollten zunächst eingeweiht werden, aber sie einigten sich, Oggrd, Brrz, Roguli und Olami ein paar mal auf den Zahn zu fühlen.

„Das wären glaube ich gute Leute, die kenne ich auch ziemlich genau,“ meinte Paul.

Gut gelaunt kamen sie auf dem Hof an. Paul zog noch eine Zwiebel aus einem Beet in der Nähe des Hauses, dann traten sie ins Haus und freuten sich auf ein fröhliches Abendessen.

In den folgenden, relativ ruhigen Wochen trafen sich Knn, Menschen und Terkaner häufig abends in kleinen Gruppen, mal in der Stadt, mal auf den Höfen, an schönen Tagen auch in einem Park auf der Insel im Fluss. Geschichten wurden erzählt, es wurde auch gesungen. Die Terkaner waren leidenschaftliche Kartenspieler, sie kannten auch eine ganze Reihe von Brettspielen. Auch die Knn entpuppten sich als Spielernaturen und so fanden auch Turniere statt, wobei Korr, ein pokerähnliches Kartenspiel und Transmitter, ein Strategie-Brettspiel die Favoriten waren.

Diese Abende genoss Paul. Nach einigen Wochen Praxis stellte er sich als ausgezeichneter Transmitterspieler heraus, allerdings hatte er gegen Eld kaum einmal eine Chance. Immerhin erreichte er in der offiziellen Rangliste hinter 6 Negsern und einem Knn den achten Platz.

Gleichzeitig wurden die Abende aber dazu genutzt, mit den möglichen Verbündeten bei der Suche nach weiteren Tonnen zu sprechen und ihre Reaktion auf eigenartige Fragen zu testen.

Eines Abends war es dann so weit. Olami, Brzz, Andrus und Gregory Ginlew sassen mit Andra und Paul zusammen, auf eine solche Kombination hatten sie lange gewartet.

Andra wollte beobachten und Paul brachte das Gespräch langsam in eine Richtung, die Andra einen Bericht ihrer Entdeckung ermöglichte.

„Mich wundert immer, dass ihr gar keine Geschichten über die Entstehung von Negs kennt,“ wandte er sich an Olami.

„Negs war schon immer hier, seit Urzeiten,“ sagte sie und lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, wir fragen uns auch manchmal, wie das hier angefangen hat, aber die ältesten Aufzeichnungen aus der Geschichte sind zwischen zweihundert und zweihundertfünfzig Jahre alt, von der Zeit davor wissen wir nichts. Ich stimme da mit der Erklärung von Herg überein, er ist unser Vordenker, wie ihr wisst. Er zweifelt nicht daran, dass die frühen Negser aus Sera herkamen, vielleicht sogar flohen und zu wenig Zeit hatten, ausführliche Berichte über die täglichen Geschichten aufzuschreiben. Es gibt einige offenbar sehr alte Erntelisten, aber das wars auch schon. Man erzählt auch von einem Brand, der alte Dokumente vernichtet hat, aber das muss auch schon sehr lang her sein.“

Im Wald << Seite 17 >>

„Wie erklärt ihr euch eigentlich die Entstehung eurer Welt, der Pflanzen, Tiere und Menschen?“ fragte Paul weiter.

„Ihr kennt unser Symbol: Der Kreis steht für die äußere Welt mit Sonne und Sternen, das Sechseck für unsere Welt Terkan, das Fünfeck für die belebte Welt, das Viereck für die Tiere und das Dreieck für die Menschen. Eins lebt im anderen, nichts ist ohne das andere, das Innere entsteht aus dem Äußeren, die Gesamtheit steht höher als die Teile.“ Olami machte eine kurze Pause. „Ich weiss, das erklärt nicht das Wie der Entstehung. Vielleicht findet ihr es naiv, ihr wisst schliesslich viel mehr, ihr herrscht über den Raum.“

„Und wir sind in unserer unendlichen Weisheit hier gelandet und herrschen jetzt vom Boden aus,“ warf Greg trocken ein.

Oggrd schaute auf den Boden, ein Zeichen für Betroffenheit.

Greg stiess ihn aufmunternd an.

„Jetzt fang nicht wieder damit an, dass es den Knn peinlich ist. Ihr seid auf einem technischen Stand, der dem unseren überlegen ist, obwohl unsere Erde fruchtbarer ist, obwohl dort mehr Leute leben. Und ihr habt uns gerettet trotz dieses Unglücks, für das ihr wahrlich keine Schuld tragt. Wir sind euch dankbar, dankbar, dankbar.“

Die Benutzung dieser typischen verstärkenden Sprachfigur aus Knn schien Oggrd wieder ein wenig aufzumuntern. Er griff den gedanklichen Faden des Gesprächs wieder auf.

„Es ist eigentlich eigenartig, wir haben auch nur geringe geschichtliche Quellen. Unsere Theorie von der Entstehung des Universums und der Planetensysteme entspricht bis auf winzige Unterschiede der euren, aber für die Entstehung des Lebens haben wir keine vernünftige Erklärung. Ihr findet auf der Erde viele versteinerte Zeugen der Vergangenheit, aber bei uns gibt es nicht viel mehr als hier auf Terkan. Wir haben da eigentlich nur ein paar alte Märchen, die wir schon mal unseren Kindern erzählen.“

Dann erzählte Olami.

Im Wald << Seite 18 >>

Dann erzählte Olami.

„Mit Märchen können wir auch aufwarten. Wir haben einen uralten Mythos über die Entstehung unserer Welt. Vor Urzeiten war unsere Welt glatt und leer, es gab nur eine endlose Sandwüste. Eines Tages stürzte aus dem Himmel ein riesiger Stern in die Mitte der Welt und aus dem Inneren erwuchsen zwei wunderschöne Wesen, Lik, das helle lichte Tagwesen und Nik, das dunkle edle Nachtwesen. Sie lebten einträchtig zusammen. Am Tage schuf Lik liebliche Blumen und Feen, in der Nacht schuf Nik gewaltige Berge und Täler. Doch dann begann der Streit zwischen ihnen, wer die schöneren Dinge erschaffen hatte. Lik neidete Nik die Berge, Nik neidete Lik die Blumen. Und sie begannen, die Werke des anderen zu zerstören. Lik vertilgte alle Berge, Nik frass in seiner unbändigen Wut alle Blumen und Feen. Sie fraßen und rasten über Terkan, bis sie sich in riesige Walzen verwandelt hatten; alle Schönheit war von ihnen abgefallen. Schließlich standen sie sich auf den beiden letzten Berggipfeln gegenüber. Sie stießen Schreie aus, die ganz Terkan zum Zittern brachten, dann rollten sie mit immer grösserer Geschwindigkeit den Berg herab. Als sie zusammenstießen, verwandelten sie sich in ein grässliches Monster mit vier Augen, das kurz darauf zerbarst. Aus dem Blut wurden Meere und Flüsse, aus der Haut und dem Fleisch die Berge, Pflanzen und Tiere. Aus Niks Augen jedoch entstand der Mann, aus Liks Augen die Frau. Und seitdem sorgt der Mensch für Terkan.“

Paul versuchte mühsam die Fassung zu bewahren. Er schaute zu Andra, die aber nur ruhig die Anwesenden beobachtete. Die wiederum fanden auch nichts Erstaunliches daran, ähnliche Geschichten gab es auf der Erde und offenbar auch auf Knn.

Dann sah Andra mit einem leichten Lächeln zu Paul herüber. Sie fasste sich an die Nase, ihr Zeichen dafür, dass sie ihre Geschichte jetzt auftischen wollte und Paul wiederholte die Geste.

„In solchen alten Geschichten steckt oftmals ein Kern Wahrheit,“ fing Andra an, dann erzählte sie, wie sie mit Kado den toten Rastach Sunsi gefunden hatte. Pauls Entdeckung im Wald ergänzte ihren Bericht.

„Wir wissen nicht, was das genau bedeutet, aber wir wollen versuchen, die Augen offenzuhalten. Und ihr müsst schweigen zu jedermann,“ beendete sie den Bericht.

Eine Zeitlang schwiegen alle, dann fand Andrus als erster die Sprache wieder.

„Wie war das noch? Vier Augen und tonnenförmig? Das hast du nicht gerade erfunden?“

Im Wald << Seite 19 >>

Paul winkte ab.

„Ich weiß das schon seit ein paar Wochen.“

Weiteres Schweigen, dann Oggrd.

„Das heißt doch wohl, dass sowohl auf Terkan wie auf der Erde solche Tonnen leben oder gelebt haben.“

Andrus widersprach.

„Das muss nicht unbedingt so sein. Vielleicht ist Sunsi ja mit Euch gekommen. Die können ja offenbar ihre Gestalt verändern.“

„Kann nicht sein, wir haben unsere Leute genau gezählt! Das waren 199 und über deren Verbleib wissen wir genau Bescheid. Der hat sich in eure Expeditionsmannschaft geschlichen. Und zwar von der Erde aus, der war schon da.“

Eine Zeit lang herrschte wieder Ruhe, alle grübelten vor sich hin.

Nach einer Zeit fragte Andrus: „Ihr habt doch auch Erbgutuntersuchungen gemacht von den Knn. Was ist denn dabei rausgekommen?“

„Das ist schon sehr ähnlich,“ antwortete Paul. „Die zwanzig Aminosäuren, aus denen das Eiweiß auf der Erde besteht, sind die selben wie auf Knn. Die Zusammensetzung ist der irdischen so ähnlich, dass wir mit der hiesigen Nahrung keine Schwierigkeiten haben. Auch die Erbsubstanz sind sehr ähnlich, der Unterschied ist höchstens so groß wie der zwischen dem heutigen Menschen und dem Neandertaler.“

„Und wenn die Tonnen dahinterstecken? Stellen wir uns doch einfach mal vor, dass vor vielen Millionen Jahren Tonnen auf die Erde kamen, einige Exemplare des homo habilis oder homo erectus geklaut haben und damit andere Planeten besiedelt haben. Die Knn haben das Wissen über das Reisen im Raum, warum nicht auch die Tonnen? Und die ausgesetzten Frühmenschen haben sich dann zu den Knn und Terkanern entwickelt.“

„Und die Tonnen? Und diese Metallplatte? Meinst du, die kontrollieren ihr Experiment noch, zumindest zeitweise?“

„Also wenn ich das richtig verstehe,“ fragte Olami nach, „haben fremde Lebewesen, also ich meine ganz andere Lebewesen, vor langer Zeit einige Vorfahren der Menschen entführt und auf Knn und Terkan ausgesetzt? Und was ist mit den Pflanzen und Tieren?“

„Die müssen die auch mitgebracht haben.“

Oggrd widersprach.

„Bei uns aber nicht, unsere Pflanzen und Tiere sehen ganz anders aus, nur die Aminosäuren und das Erbgut ist den irdischen und terkanschen ähnlich.“

Im Wald << Seite 20 >>

Greg hatte die ganze Zeit nur zugehört, aber jetzt fasste er zusammen.

„Ich finde auch nur eine Erklärung: Die haben ein Experiment gemacht. Die Frage für die Tonnen war, wie die höchstentwickelte Lebensform der Erde unter anderen Bedingungen zurechtkommt. Also haben sie ein paar auf Terkan ausgesetzt und die Tiere und Pflanzen direkt mitgeliefert. Auf Knn gab es schon Tiere und Pflanzen, also wurden die Menschen dazwischen gesetzt. Nun gut, überlebt haben sie und über den Zeitpunkt dieses Experiments kann man nur Vermutungen anstellen. Aber eine Frage bleibt unbeantwortet: Warum? Spieltrieb? Die müssen so hochentwickelt sein, dass die über ein solches Stadium hinweg sind, zumindest als Rasse, Volk oder wie immer man die Gesamtheit der Tonnen bezeichnen mag. Oder sind die so hochentwickelt, dass es sich eine kleine Gruppe als Zeitvertreib leisten konnte, mit fremden Lebensformen rumzuexperimentieren? Oder ist es ein lange zurückliegendes wissenschaftliches Experiment? Aber welchen Zweck könnte das gehabt haben und warum solten die das jetzt noch beobachten, vor allem warum auf der Erde? Als Vergleich? Denn die Erde wäre sicher der Ausgangspunkt eines solchen Experiments wegen der präzise nachvollziehbaren Entwicklung von der Bakterie bis zum Blauwal. Egal, welche Möglichkeit man annimmt, kein angenehmer Gedanke, dass man eigentlich nur eine bessere Laborratte ist. Für Tonnen mit vier Augen auch noch!“

Alle saßen angespannt um den Tisch und grübelten vor sich hin. Irgendwann schaute Paul in die starr dasitzende Gruppe, dann schnippste mit den Fingern wie ein Hypnotiseur, der ein Medium aufweckt.

„Leute, entspannt euch mal. Wir sind hier und die Erde und Knn sind weit weg. Weit weit weg. Ich mach uns mal nen Tee.“

Die Runde wurde wieder lebendig, man begann wieder zu plaudern, zu lachen, Tee wurde getrunken und schließlich stimmte Andrus das Lied von lachenden Ochsen an.

Im Wald << Seite 21 >>

Später am Abend unterhielt sich Andrus noch einmal mit Paul.

„Die Tonnen werden sehr alt.“

Paul sah ihn überrascht an.

„Hast du mit einer gesprochen?“

„Ja, auf Jamaika, bei einem Forschungsaufenthalt.“

Paul schaute wie ein neugeborenes Kalb, während der Este ungerührt fortfuhr.

„Dann stellte sich aber nur heraus, dass ich einfach zu viel Rum mit Cola getrunken hatte und mich mit einer Steel-Drum unterhalten hatte.“

„Ungemein humorvoll!“

„Nein, mein Junge, im Ernst, würdest du Jahre deines Lebens damit verbringen, Laborratten bei der Arbeit zu beobachten? Das ist auch nicht viel spannender als Beton beim Hartwerden zuzusehen. Die müssen sehr alt werden. Wenn die vielleicht einige Jahre auf der Erde bleiben – und ich glaube nicht, dass die ihr Personal öfter auswechseln, das wäre doch irgendwem aufgefallen – dann ist das für die wie für uns ein paar Wochen.“

Paul dachte einen Moment nach und widersprach dann.

„Mag sein, das ist aber sehr nach deinen Wertmassstäben gedacht. Vielleicht haben die ganz andere Werte und machen das aus Überzeugung. Bedenke, was auf der Erde alles aus religiösem Wahn passiert ist.“

Erst spät, nachdem Andra noch einmal zur Aufmerksamkeit und zum Stillschweigen aufgefordert hatte, gingen sie auseinander.

Ab 22jul10: 321 Bes.