II - Kapitel 5
20.Apr.21 .. 23:56 Uhr
Seite: - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11 - 12 - 13 - 14 - 15 - 16 - 17 - 18 
Startseite

Teil I
Kapitel: I/1 - I/2 - I/3 - I/4 - I/5

Teil II
Kapitel: II/1 - II/2 - II/3 - II/4 - II/5 - II/6 - II/7 - II/8 - II/9

Teil III
Kapitel: III/1 - III/2

Orte, Personen

Hilfe, Technik

Platzhalter

Im Wald << Seite 1 >>

Paul wühlte sich müde aus seinem Schlafsack, als es langsam hell wurde im Wald. Er erhob sich vom weichen Lager aus Laub und ging aus der Hütte. Irgendein Vogel veranstaltete wie an jedem Morgen einen entsetzlichen Lärm. Für diese empfindsame Kreatur mochte es Gesang sein, aber ihm war es in den letzten Wochen zunehmend schwer gefallen, ruhig dabei zuzuhören.

“Ein Königreich für eine Schrotflinte, das wäre ein lauter Knall und dann Ruhe”, murmelte er vor sich hin.

Um ihn herum werkelten aber schon die ersten emsigen Mitbewohner ihres bescheidenen Heimes im Wald. In der Wald­kantine bereiteten ein paar Leute das Frühstück vor. Es bestand aus einer berstend gesunden Mischung mit Rohkostsalaten, mit Früchten, die wie eine Kreuzung aus Brombeeren und Himbeeren aussahen und noch besser schmeckten, sowie einer Art Brot aus den Samen einer hier wachsenden Grasart. Nichts für einen Liebhaber des typischen englischen Frühstücks, aber es schmeckte ordentlich und lag nicht so schwer im Magen.

Nach der Serie von Pech hatten sie schließlich hier auf Terkan Glück gehabt; sie waren tatsächlich in dem Wald gelandet, in dem die Knn schon einmal gewesen waren. Die hatten damals zwar den Planeten ziemlich schnell wieder verlassen, aber den Wald immerhin soweit untersucht, dass sie genug Essbares fanden.

Man hatte das Werkzeug aus der Rettungseinheit in den Wald transportiert und mit dem Bau einfacher Hütten begonnen. An einer lichteren Stelle im Wald wurde fleissig gerodet, das erste Saatgut aus der Rettungseinheit war bereits aufgegangen. Das Überleben schien fürs erste gesichert.

Heute war jedoch ein besonderer Tag, der Kontakt mit der Stadt sollte aufgenommen werden.

Eine Stunde nach dem gemeinsamen Frühstück befand sich eine Delegation aus 40 Personen auf dem Weg in die Stadt. Man hatte beschlossen, ganz offen auf die Stadt zuzugehen, damit die Bewohnern nicht das Gefühl bekamen, sie würden überfallen.

In der Delegation befanden sich nur wenige Militärs, Kado und Andra von der Erde waren dabei, Oggrd und Brzz als erfahrene Kontakter von Knn ebenfalls. Sergej Sergeij hatte sich auch aufgedrängt, als religiöses Oberhaupt der irdischen Expedition. Den Rest bildeten Diplomaten, Anthropologen, Linguisten und einigen Generalisten aus dem Bereich Naturwissenschaft und Technik, die sich über die Fähigkeiten der Stadtbewohner einen Eindruck verschaffen sollten. So waren auch Paul und William in die Delegation aufgenommen worden.

Im Wald << Seite 2 >>

“Endlich erwische ich Dich mal ohne Deine Frau,” scherzte Paul.

William runzelte die Stirn.

“Die ist Dir wirklich böse wegen Deines Flirts mit Mona.”

“Na ja, ich bin auch nicht stolz drauf, aber ich denke, mittler­weile ist das sowieso egal. Meinst du, die wird mir mal verzeihen?”

William zuckte mit den Schultern.

“Ich hoffe nur, dass ich den Versuchungen jeglichen Fleisches widerstehe, sonst gibts Mord und Totschlag.”

Paul grinste schwach und lenkte das Gespräch auf Wichtigeres.

“Was ist eigentlich genau bei euren Analysen der Sprache der Stadtbewohner herausgekommen?”

William wiegte den Kopf hin und her.

“Nicht viel. Das ist ein Singsang, mit dem wir nichts anfangen können, nicht mal die so sprachgewandten Knn. Es hört sich nicht mal sehr fremdartig an, aber ohne ver­nünftige technische Hilfsmittel sind wir auf den direkten Kontakt angewiesen, um mehr herauszube­kommen. Die Knn hatten bei der Annäherung an die Erde die Möglichkeit, den gesamten elektronischen Informationsaustausch abzuzapfen, inklusive Fernsehen und Netz. Da haben die sich dann mit ihren leistungsfähigen Analyse­programmen genug zusammenreimen können, um sogar mit uns zu sprechen. Aber hier stehen wir zunächst mal ziemlich blöd da. Unsere zwei Wanzen, die wir am Rand der Stadt angebracht hatten, haben uns nicht viel geholfen.”

Im Wald << Seite 3 >>

Viel war von ihrer technischen Ausrüstung in der Tat nicht geblieben. Sie hatten eine Miniabhöranlage installiert, die sie aus ein paar Sprechfunkgeräten zusammengebastelt hatten; genutzt hatte es allerdings nicht viel.

Kado gesellte sich zu ihnen.

“Na, aufgeregt?”

“Dazu ist das viel zu spannend,” meinte William. “Meinst du eigentlich, die glauben die Räuberpistole von den Menschen aus dem hohen Norden?”

“Unser Vorteil ist doch, dass wir uns zuerst mal nicht verständigen können. Wenn wir dann im Lauf der Kommu­nikation feststellen, dass die uns eine solche Geschichte nicht glauben werden, können wir noch umdisponieren. Deshalb will Sergeij auch das Wort führen.” Leise fügte er hinzu: “Ausgerechnet der.”

“Was ist mit meinem Einwand?”, wollte William wissen. “Was, wenn alle auf diesem Planeten dieselbe Sprache sprechen?”

“Du hast ja selbst gesagt, dass sowas sehr unwahrschein­lich wäre, schliesslich ist hier alles sehr weit auseinander und der kulturelle Austausch sehr gering. Da entwickelt sich die Sprache schnell auseinander, selbst wenn ursprünglich mal eine Sprache da war. Deine eigenen Worte!”

“Ich weiss, Kado. Aber abgeschlossene Volksgruppen konservieren ihre Sprache möglicherweise auch sehr lange; denk an die Deutschen in Russland. Und dann?”

Kado zupfte sich am Ohrläppchen.

“Wir müssen dann die Geschichte von den mönchischen Bewohnern einer abgelegenen Region so ausschmücken, dass es uns verboten war, mit anderen in Kontakt zu treten, ein religiöses Tabu über tausende von Jahren, das dann wegen einer ökologischen Katastrophe gebrochen werden musste. Das ist dann Sergeijs Problem, eine stimmige Geschichte draus zu basteln. Hoffentlich verbockt der das nicht.”

Im Wald << Seite 4 >>

Mittlerweile waren sie der Stadt so nahe gekommen, dass sie die ersten Einzelheiten erkennen konnten. Zwei Knn hatten das Abhörgerät am Rand der Stadt installiert und dann berichtet, dass die Aussenseite der Stadt wie eine Stadtmauer aussah, allerdings mit einer Reihe von Fenstern. Einen Eingang hatten sie nicht gefunden.

Auch jetzt, bei Tageslicht, war kein Stadttor zu erkennen. Vielleicht hatten sie sich von der falschen Seite genähert, irgendwie musste man ja in die Stadt hineinkommen. Eine Befestigung konnte es eigentlich nicht sein, dazu waren zuviele Fenster in der Mauer, aber abweisend und bedrohlich festungsartig wirkte die Stadt dennoch.

Sie waren vielleicht noch einen Kilometer von der Stadt entfernt, als sie offensichtlich bemerkt wurden. Auf den flachen Dächern der äusseren Häuser tauchten Gestalten auf, etwas genaueres konnte man jedoch nicht erkennen. Im Näherkommen sah man eine gewisse Ordnung in der Menschenmenge auf dem Dach; es mochten hundert, vielleicht zweihundert Leute sein, die sich über eine Breite von einigen hundert Metern auf dem Dach verteilt hatten. Erst als sie zwanzig Meter von der Stadtmauer entfernt waren, ertönte vom Dach des zweistöckigen Hauses vor ihnen ein kurzer, lauter Ruf.

Sie hielten an.

“Wir kommen in Frieden, die KRAFT sei mit euch,” rief Sergeij zurück, wobei er die Arme weit ausstreckte und dann im typischen weiten Bogen zur Stirn führte.

Beeindruckend wie Willi Wutz vom Hintertupfinger Bauerntheater, dachte Paul. Toll, das!

Auf dem Dach herrschte kurz Ruhe, dann rief eine andere Stimme etwas herunter. Die Worte hatten einen anderen Klang.

“Anscheinend gibt es verschiedene Sprachen,” sagte William halblaut zu Sergeij. “Wir haben Glück.”

Im Wald << Seite 5 >>

Kado sah den neben ihm stehenden Andrus Vitsut an und nickte ihm zu.

Der rief auf Russisch ein paar Grussworte hoch, die natürlich ebensowenig verstanden wurden; aber so konnte das interessante Gespräch vielleicht in Gang gehalten werden.

In der Tat trat oben wieder jemand an den Rand des Daches und rief einige Worte hinunter. Sergeij antwortete diesmal wieder.

Dieses Spiel lief noch einige Male ab; jedesmal schienen die Stadtbewohner eine andere Sprache auszuprobieren, stets vergebens, natürlich.

Schliesslich machte sich Ratlosigkeit unter den Stadtbewohnern breit. Ein weisshaariger Mann trat nach vorn, sah mit gerunzelter Stirn zu ihnen herunter und trat dann wieder zurück. Einige Zeit tat sich nichts, man hörte nur eine ruhige Unterhaltung zwischen drei oder vier Personen, während sie von einigen Dutzend Bewohnern beobachtet wurden. Dann trat wieder der weisshaarige Mann an den Rand des Daches und wies nach rechts.

Sie mussten mehr als einen Kilometer zurücklegen, immer begleitet von der kleinen Armee auf den Dächern. Endlich erreichten sie eine Tür in der Stadtmauer; eine Tür, mehr nicht, gerade gross genug, um einen Mann in die Stadt zu lassen.

Von innen hörte man ein Rumpeln, dann schwang die Tür nach aussen auf. Ein niedriger, enger, dunkler Gang war zu erkennen. Ein Stadtbewohner winkte ihnen, einzutreten.

Die Delegationsteilnehmer sahen sich verunsichert an, dann schritt Andra mit einem spöttischen Grinsen als erste durch die Tür. Sergeij folgte leicht verärgert; eine Frau, vor ihm! Die anderen folgten, und irgendwann ging dann auch Paul durch diesen Gang. Er war etwa zehn Meter lang, vielleicht gerade so lang wie die Breite der Häuser hier. Das war nichts für Klaustrophobiker, Kado hätte nicht breiter und er nicht grösser sein dürfen. Vor einigen Jahren war er einmal in einem mittelalterlichen Siegerländer Bergwerk gewesen; so etwa fühlte er sich hier, aber der Gang damals war wenigstens beleuchtet.

Im Wald << Seite 6 >>

Als Andrus Vitsut, der vor ihm ging, den Gang verliess, wurde es hell.

Er endete in einer Gasse, vielleicht fünf, sechs Meter breit, gesäumt von einer Front aus weissen, zweistöckigen Häusern mit flachen Dächern, deren Ränder von der Sonne dramatisch beleuchtet wurden. Paul erinnerte sich an einen Besuch in Südfrankreich, Uzès - oder war es Arles gewesen? - wo das Strassenbild eine ähnliche Mischung aus Melancholie und Sehnsucht nach einer fernen Vergangenheit hervorrief.

Kurz stand vor seinen Augen wieder das Bild seiner Frau und seiner drei Kinder, aber die Ereignisse um ihn herum waren doch zu neu, als dass er zu lange diesen Erinnerungen nachhängen konnte.

Sie wurden von etwa zwanzig Stadtbewohnern empfan­gen, der grösste Teil der Leute befand sich weiter auf den Dächern.

Er sah sich um und bemerkte, dass die Knn, die sie begleitet hatten, nicht zu sehen waren. Er fragte kurz, wo sie seien, aber keiner hatte sie gesehen. Ihm fiel ein, dass sie noch hinter ihm waren, als er durch die Tür in die Stadt ging, also sah er in den Gang. Der Gang war gerade, so konnte er sehen, dass sie offenbar noch unentschlossen davorstanden. Er ging zurück. Als er wieder draussen stand, konnte er die Verunsicherung in ihren Augen sehen.

“Wieso kommt ihr nicht?”, fragte er.

Hrrg, der Biologe, antwortete ihm.

“Wir lieben keine engen Gänge. Um es genau zu sagen, wir hassen sie! Das ist genetisch bedingt.”

Paul war verwundert. Sollten diese disziplinierten Soldaten Angst haben, den zwar engen, aber doch nicht sehr langen Gang zu durchqueren?

Im Wald << Seite 7 >>

Dann fiel ein, dass auf der SUN JESTER die Gänge stets so hell erleuchtet waren, dass es ihn schon gestört hatte. Sogar die niedrigen Räume der Rettungsfähre war hell erleuchtet gewesen. Das schien so eine Art kollektiver Klaustrophobie, Abteilung dunkle enge Gänge zu sein. Er schüttelte den Kopf, dann versuchte er auf die plumpe Art, eine andere Marotte der Knn auszunutzen.

“Ich kann das verstehen, mir gefallen solche Gänge auch nicht. Aber wir dürfen jetzt nicht das Gesicht vor den Stadtbewohnern verlieren und der Gang ist nur zehn Meter lang.”

Ein Ruck ging durch die Knn. Paul meinte, ihre Gesichtsfarbe wurde etwas heller, dann stürmten sie regelrecht in Todesverachtung durch den Gang. Er zuckte mit den Schultern, grinste, dann folgte er ihnen gemächlich.

Obwohl er sich nur kurze Zeit von der Strasse entfernt hatte, war sie fast leer; eben bogen die Knn um die nächste Strassenecke. Er bemühte sich, wieder Anschluss zu finden. Die Strasse, in die sie eingebogen waren, öffnete sich nach hundert Metern zu einem kleinen Platz, auf dem ein paar kleine Bäume standen. Der Platz war gross genug für sie alle, und hier sollte die Unterhaltung offensichtlich fortgesetzt werden.

Einfache Bänke standen unter den Bäumen, die schnell besetzt waren. Bei den Menschen führte Sergeij das grosse Wort, Oggrd vertrat die Knn. Die Bewohner der Stadt hatten den weisshaarigen Mann, der ihnen eben schon aufgefallen war, als ihren Gesprächführer ausgewählt.

Paul kümmerte sich nicht um die Unterhaltung, die keine war, sondern sah sich ein wenig um.

Irgendwelche technischen Einrichtungen konnte er nicht entdecken, nur ein paar kleine Laternen aus Bronze oder Messing hingen an den Häusern. Betrieben wurden sie mit Petroleum oder etwas ähnlichem, wie er durch eine kurze Geruchsprobe feststellen konnte. Von dem Platz gingen vier Strassen ab, sonst gab es bis auf einige grosse Holztore keine Lücken in der ziemlich gleichförmigen Bebauung. Zwei oder drei Häuser hatten größere Fenster und sahen so aus wie Geschäfte oder öffentliche Gebäude; vor einem standen einige Tische auf der Strasse. ‘Vielleicht ein Biergarten,’ dachte Paul hoffnungsvoll.

Im Wald << Seite 8 >>

Sein Blick schweifte über die Dächer, und er spürte plötzlich ein leichtes Ziehen im Hinterkopf.

Die Leute hier wirkten ja ausgesprochen ruhig und friedfertig, aber sie schienen auch vorsichtig zu sein. Mindestens zehn Leute auf den Dächern lagen mit einer Art Armbrust im Anschlag auf dem Bauch und beobachteten aus verschiedenen Richtungen das Geschehen. Er war sicher, dass sich weitere Bewaffnete auf den Dächern befanden, bereit, im Notfall einzugreifen.

Auf der anderen Seite des Platzes ging eines der Holztore auf. Ein Wagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster - immerhin, das Rad war erfunden - gezogen von zwei gewaltigen Rindern, gross wie Bisons, mit weit ausladenden Hörnern wie Kaffernbüffel, richtig zum Fürchten. Die Frau auf dem Bock schaute interessiert zu ihnen herüber, und - Paul schüttelte den Kopf - die Rinder taten dasselbe. Er wunderte sich wieder über die Ähnlichkeit nicht nur der Menschen, sondern auch der Fauna und Flora mit der auf der Erde; irgendetwas war da faul, ganz sicher.

Er ging ein wenig auf dem Platz herum. Hin und wieder sah er ein neugieriges Gesicht an einer der etwas schlierigen Scheiben in kleinen Fenstern.

Die Technologie der Bewohner schien der im späten irdischen Mittelalter zu entsprechen. Die Glasherstellung war bekannt, die Scheiben hatten natürlich nicht neuzeitliche Qualität, aber es waren immerhin Scheiben und man konnte einigermaßen hindurchsehen. Die Holzläden an den Fenstern waren wie auch die Türen ausgezeichnet gearbeitet, einfach, aber sehr präzise. Die Wände waren verputzt und hell gekalkt, alles wirkte sehr gepflegt. Die Gassen waren mit einer Art grobem Kopfsteinpflaster belegt, der Platz selbst war unbefestigt; bei Regen würde dieser lehmige Sand den Boden in ein Schlammbad verwandeln.

Paul sah nach oben. Nach Regen sah es aktuell nicht aus, eigentlich wirkte die ganze Gegend ziemlich regenarm.

Im Wald << Seite 9 >>

An einem der Bäume hing ein Zettel. Paul war versucht, ihn abzureissen, aber dann hielt er sich zurück. Wer weiss, welchem womöglich heiligen Zweck er diente. Papier gab es also auch, nicht mal schlechtes, und wahrhaftig, der Zettel war mit einem kleinen Nagel am Baum befestigt. Er sah etwas genauer hin. Der Nagel schien wieder aus Messing oder Bronze zu sein und sah aus wie ein kleiner irdischer Drahtstift, glatt, mit einem runden, kleinen Kopf und den produktionsbedingten Riefen kurz darunter. Die machten ihre Nägel offenbar genauso aus Draht wie die Menschen.

‘Also, wenn ich nicht dabeigewesen wäre, als wir abgestürzt sind, würde ich die ganze Aktion hier für eine Fälschung, ein Täuschungsmanöver halten,’ dachte er.

Zwei der Leute auf dem Dach sahen zu ihm herunter, aufmerksam, aber nicht ängstlich oder misstrauisch. Er lächelte zu ihnen hoch, aber sie reagierten nicht. Nun, wer weiss, wie die sein Lächeln interpretieren mochten.

William stand jetzt auch vor dem Zettel.

“Lies doch mal eben vor, ich habe meine Brille vergessen,” kalauerte ihn Paul an.

“Na ja, die schreiben von links nach rechts, die Schrift ist buchstabenorientiert, also nicht mehr in den ersten Stadien der Schriftentwicklung. Das wirkt hier sowieso nicht sehr primitiv, das Ganze. Alles so aufgeräumt, ordentlich, wohlorganisiert. Hast du was rausgefunden?”

Paul erzählte von seinen spärlichen Beobachtungen, während sie langsam zu der sich angeregt unterhaltenden Versammlung zurückschlenderten.

Die Linguisten und Anthropologen hatten in den Wochen seit ihrer Ankunft auf Terkan viel Zeit damit verbracht, in den noch funktionsfähigen Portablen nach Strategien zu suchen, wie sich die Erforscher abgeschiedener Kulturen in Afrika und Südamerika im 19. Jahrhundert den Menschen dort genähert hatten. Also versuchte man jetzt fleissig mit der “Ich Tarzan, Du Jane” - Methode, eine erste Kommunikationsbasis aufzubauen.

Im Wald << Seite 10 >>

Eine ganze Reihe Leute schrieben mit, die wenigen Aufzeichnungsgeräte, die ihnen geblieben waren, liefen - versteckt natürlich - auf Hochtouren. William setzte sich wieder zu den anderen, während Paul wieder auf dem Platz umherschlenderte.

Andra kam hinter ihm her.

“Hast du schon Frauen gesehen?”

Paul erzählte von der Wagenlenkerin, dann fiel ihm auf, dass sie die einzige Frau gewesen war, die er bisher gesehen hatte.

Die Leute auf dem Dach hatten wie auch die auf dem Platz so eine Art Einheitskleidung an, wie die Chinesen nach der Kulturrevolution, nur in einem sehr hellen Braunton. Auf dem Kopf hatten sie eine Kappe, eine Kapuze mit hinten umgeschlagenem Rand.

“Das sind alles Soldaten, da dürfen keine Frauen ran,” witzelte Paul.

“Mag sein, das ist hier schliesslich eine primitive Kultur,” versetzte Andra grinsend.

Paul erinnerte sich mit einem leichten Lächeln an die vielen Trainingsstunden auf der SUN JESTER und auch später im Wald, in denen er sich gelegentlich auch mit Andra “geprügelt” hatte.

“Im Ernst, wenn ich Leute für den Notfall bereithalten sollte, würde ich es sicher genauso machen wie die die Leute hier in Negs,” fuhr Andra fort. “Das sieht alles ganz locker und zufällig aus, aber da ist jeder an einem genau bestimmten Platz, da bin ich sicher. Ohne unsere Waffen sind wir denen hoffnungslos unterlegen.”

“Negs?” fragte Paul. “Ach so; hier sind wir! Endlich wissen wir Bescheid. Wer hat es euch verraten?”

Andra runzelte die Stirn und simulierte einen Lachanfall.

Im Wald << Seite 11 >>

“Ein paar Sachen haben wir schon geklärt, zum Beispiel den Namen dieser Stadt. So wie es aussieht, glauben die uns die Geschichte von den Leuten aus dem hohen Norden, deren Heimat einer Katastrophe zu Opfer gefallen sind. In deren alten Geschichten gibt es wohl sowas ähnliches. Die wundern sich allerdings darüber, dass wir uns mit ihnen so überhaupt nicht verständigen können; die anderen Sprachen ähneln sich offenbar zumindest in den Grundlagen.”

Am anderen Ende des Platzes entstand etwas Unruhe. Eine kleine Gruppe Negser kam gemächlich auf sie zu, sechs Leute waren es.

Der weisshaarige Mann, der bisher die Unterhaltung geführt hatte, begrüsste die Ankommenden, die Frau an der Spitze umarmte er kurz, aber herzlich. Er wechselte ein paar Sätze mit ihr, dann überliess er ihr die Leitung der Runde.

Also gab es doch Frauen, und nicht mal nur in der Küche!

Sie gingen hinüber zu den anderen, um an der Unterhaltung teilzunehmen. Die Frau war, wenn man irdische Masstäbe anlegen konnte, etwa 50 Jahre alt, grauhaarig, schlank, hatte ein ruhiges, freundliches Gesicht mit dunkler, glatter Haut und hellen braunen Augen.

Sie zeigte auf sich und sagte so etwas wie “Redala”. Dann zeigte sie auf den grauhaarigen Mann an ihrer Seite und sagte “Dagolesian”. Die Tarzan-Jane-Methode funktionierte also.

Auf dieselbe Weise stellten sich einige Mitglieder der Expedition aus dem Wald vor; Sergeij, Kado, Andra, Oggrd und Brzz. Andra sah Kado stirnrunzelnd an, aber der flüsterte ihr zu: ‘Du bist die Quotenfrau.’ Das Stirnrunzeln wurde stärker.

Man versuchte, sich gegenseitig die Funktionen klarzumachen, die man jeweils in der Gruppe einnahm; weniger interessant.

Im Wald << Seite 12 >>

Paul betrachtete die Gesichter der Leute aus Negs. Er konnte keinen Unterschied feststellen zu Gesichtern, die ihm in seiner Heimat auf der Strasse über den Weg gelaufen waren. Wenn schon Oggrd und Brzz in Inverness trotz ihrer etwas schuppigen Haut nicht aufgefallen waren, die hier würde man noch weniger bemerken. Sie waren alle mehr vom nordafrikanischen Typ, das heisst etwas dunklere Hautfarbe, dunkle Haare. Die älteren unter ihnen waren meist grauhaarig, auch schlohweiss, dieser Farbwechsel schien hier aber schon früher als auf der Erde einzusetzen. Von Glatzen waren aber alle anwesenden Negser verschont, Paul fuhr sich dabei sorgenvoll durch die eigenen Haare.

Er sah sich Dagolesian genauer an. Wenn er die Wortfetzen richtig mitbekommen hatte, war er so eine Art militärischer Führer, vielleicht Kado vergleichbar. Er mochte 1,80 gross sein, knapp fünfzig Jahre alt; er hatte mittellange graue Haare und einen kurzgehaltenen Vollbart. Seine Augen wanderten unablässig, aber ruhig über die Leute um ihn herum. Sein Gesicht war eher rund als länglich-hager, für Negser Verhält­nisse sah er wohlgenährt aus, Paul schätzte ihn auf 3 Kilo Übergewicht. Seine schmale Nase und seine wachen Augen standen in einem gewissen Kontrast zu seiner restlichen, Ruhe und Gelassenheit signalisierenden Erscheinung. Zwischen ihm und diesem Mann stand ein halbes Universum, aber er imponierte ihm und er war ihm sympatisch.

Ihre Blicke trafen sich, sie sahen sich einen Moment in die Augen. Paul lächelte ihn unwillkürlich an; überraschender­weise lächelte Dagolesian zurück, bevor er weiter die Lage beobachtete. Nun, vielleicht ergab sich in einiger Zeit einmal die Gelegenheit zu einem Gespräch, um diesen intuitiven Eindruck zu überprüfen.

Paul sah sich die Negser weiter an. Ausser Redala gab es nur eine weitere Frau unter ihnen, sie war mit Redala zusammen gekommen. ‘Hübsch’, dachte er noch, aber dann erhoben sich die Wortführer der beiden Gruppen. Redala erzählte ihren Leuten etwas, Kado informierte seine Leute.

Im Wald << Seite 13 >>

“Wir sind eingeladen, hier zu essen und zu übernachten. Man hat uns gesagt, dass es keine luxuriösen Herbergen sein werden, aber mal ein vernünftiges Essen, das wär doch was.” Offenbar dachte er hierbei an die riesigen Rinder vor dem Wagen, der über den Platz gerollt war. “Wir schicken allerdings eine kleine Gruppe zurück, die unsere Leute im Wald informiert, dass es uns gutgeht.”

Sergeij liess es sich nicht nehmen, einen Segen zu sprechen und der KRAFT für ihre Hilfe zu danken. Zu seinem großen Erstaunen machten Kado und Andra dieses Ritual mit, obwohl sie noch auf der SUN JESTER ihre Abneigung gegen ‘diesen Quatsch’ betont hatten. Irgendetwas war da in den letzten Wochen an ihm vorbeigegangen.

Sie gingen gemeinsam einige der engen Strassen entlang. Überall dasselbe, ziemlich eintönige Bild: zweistöckige, manchmal dreistöckige Gebäude in geschlossener Front, weiß oder beige getüncht. Keine Bäume, Gärten, Blumen, aber alles war sauber und ordentlich. Es befanden sich nur wenige Negser auf der Strasse, allerdings sah man hier und da wieder ein neugieriges Gesicht an der Fenster­scheibe.

Einige Zeit später, sie waren vielleicht einen guten halben Kilometer gegangen, kamen sie wieder auf einen Platz. Er war grösser als der, von dem sie kamen. Der Umriss ähnelte einem römischen Amphitheater, die Längsachse war etwa einhundert Meter lang. Paul erinnerte sich daran, dass er in seiner Jugend einmal in der Toscana gewesen war; in Lucca, einer wunderschönen Stadt dort, gab es einen ähnlichen Platz, der seine Form daher hatte, dass er auf den Grundmauern eines solchen Theaters gebaut worden war.

Die Straßen waren ohne jedes Grün gewesen, aber hier auf dem Platz gab es wieder ein paar niedrige Bäume. Auf der linken Seite standen ein Dutzend Tische auf dem Platz, an denen fröhlich redende Leute bei Essen und Trinken sassen. Grüsse wurden hin und zurück gerufen, Gelächter war zu hören. Hier verbrachten die Negser also ihre Abende und fielen aus der Rolle!

Die Gebäude, die um den Platz herumstanden, schienen Geschäfte und andere öffentliche Gebäude zu sein. Die Türen waren grösser, Schriftzeichen waren zu sehen, die auf den Zweck der Häuser hinzuweisen schienen; zuweilen gab es sogar eine Art Schaufenster.

Im Wald << Seite 14 >>

Sie überquerten den Platz, gingen noch einige Meter auf einer breiteren Strasse und bogen dann in einen Torweg ein, der in einem Innenhof endete.

Dort wurden sie bereits erwartet. Einige lange Tische waren gedeckt, Krüge und dampfende Schüsseln standen zwischen Tellern und Glasbechern. Sie nahmen Platz. Redala sprach einige Worte, eine Art Gebet möglicher­weise, dann griffen alle zu. Die Negser hatten sich unter die Menschen und Knn gemischt, gossen ihnen die Getränke ein und verteilten mit grossen Holzlöffeln den Eintopf aus den Schüsseln.

Das Mahl schien frugal, aber es war sehr schmackhaft. Paul wunderte sich über die Selbstverständlichkeit, mit der alles ablief. Klar, die Negser gingen davon aus, dass sie die Speisen und Getränken kannten, schliesslich ahnten sie nichts von der obskuren Herkunft ihrer Gäste. Aber auch die Menschen und Knn aßen und tranken, als ob sie schon seit Jahren hier lebten. Der Eintopf bestand hauptsächlich aus einer Art Linsen mit Kartoffeln, etwas Fleisch - Geflügel oder Schwein - war auch darin; er war gewürzt, dass es jeden guten Restaurant auf der Erde Ehre gemacht hätte. Das Getränk schmeckte wie Apfelsaft - oder Apfelwein - er war sich nicht sicher, ober er nach einem kleinen Eimer davon noch nüchtern sein würde.

Ein Universum durchquert, um hier an einem Holztisch mit anderen Menschen zu sitzen und Apfelwein zu trinken! Fiel keinem seiner Mitreisenden die Absurdität dieser Situation auf?

Nein, im Gegenteil. Einige Plätze weiter saß Sergeij mit einigen seiner Freunde, Jonas Zwoell, sein persönlicher Sicherheitschef, Kostas Papandreo, sein Vertreter und einige jüngere Leute aus seiner kleinen Privatmiliz. Paul hörte mit halbem Ohr der Unterhaltung zu. Irgendwie ging es um die Perspektiven des Aufenthalts auf Terkan. Fruchtbarer Boden in der Flussoase, einfache menschenähnliche Wesen, die man leicht benutzen könne. Bodenschätze gab es offensichtlich auch, zumindest Kupfer und Zink. Die ganze Technik könnte sicher insgesamt verbessert werden. Ungläubig waren die Leute hier auch noch, nun, man würde sie schon bekehren. Paul begann, genauer hinzuhören.

Im Wald << Seite 15 >>

"Die Dummköpfe hier werden wir alle zur Allumfassenden Gemeinschaft bringen. Denen fehlt eine Religion und die zugehörige Führung regelrecht, die warten nur drauf," ließ sich Zwoell aus, der höhnische Unterton war nicht zu überhören.

"Womöglich lässt sich mit den Frauen sogar was Vernünftiges anfangen," ergänzte Manfred grinsend.

"Das werden die alle nicht wirklich freiwillig machen, aber deren Problem ist die mangelnde Intelligenz und die niedrige kulturelle Entwicklungsstufe. Die stehen nun mal unter uns, also haben sie sich zu richten." Sergej Sergeij sah dabei düster in Richtung Dagolesian, der am Kopf der Tafel saß. Dabei bemerkte er, dass Paul ihrem Gespräch lauschte.

"Das geht dich gar nichts an, mein Freund," herrschte er ihn an.

Paul konnte sich eine kurze Replik nicht verkneifen.

"Wir Überlegenen sind hier gestrandet. Die Primitiven, wie du sie zu bezeichnen beliebst, halten es hier in einer nicht gerade lebensfreundlichen Umgebung offensichtlich schon seit langer Zeit ganz gut aus."

Sergeij lief leicht rot an. Bluthochdruck, ganz offensichtlich.

"Du und deine Technikgläubigkeit, ihr habt uns doch erst hier hinein geritten. Es geht nicht um Technik, sondern um die Kraft unseres Glaubens. Euch naturwissenschaftlich orientierten Flachdenkern werden wir das auch noch beibringen, wenn euer beschränktes Denkvermögen das zulässt."

Paul war von der Aggressivität überrascht, in Sergeijs Augen war eine Mischung aus Hass und Verachtung. Er fühlte sich zunehmend unwohl, konnte aber den letzten Satz einfach nicht so stehen lassen.

"Beschränkt! Sagt der Esel zur Maus: Hast du aber lange Ohren."

Im Wald << Seite 16 >>

Manfred, der neben Paul saß, legte seine rechte Hand auf Pauls linke, fasste seinen Daumen mit den Fingern und begann ihn heftig nach innen zu überdehnen. Paul schnappte nach Luft. Unter dem Tisch spürte er, wie ihm ein Messer in die Seite gedrückt wurde.

"Halt das Maul, du dämliches Arschloch. Wenn du nicht ruhig bist, gesellst du dich zu Pablo Morentes, der hat die Klappe auch zu weit aufgerissen."

Der Druck auf seinen Daumen ließ nach, der Schmerz wollte kaum weichen. Pablo! Er hatte ihn seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Als er einmal nach ihm suchte, bekam er nur eigenartig ausweichende Antworten, zwei Leute waren richtig blass geworden.

"Was ist mit Pablo?"

"Käferfraß," war die kurze Antwort von Sergeij.

"Und du wirsts auch bald sein, wenn du nicht ganz ganz leise bist," ergänzte Jonas.

"Wollt ihr mich hier abstechen?" fragte Paul, dem langsam richtig unwohl wurde.

"Nicht hier, damit warten wir noch ein wenig."

Paul rieb sich sein schmerzendes Daumengelenk; er würde mit der linken Hand sicher eine Woche nicht mehr richtig zugreifen können. Pablo Morentes war das andere Mitglied ihrer Expedition gewesen, das wie er den Überblick über alles hatte, was mit Technik und Naturwissenschaft zu tun hatte. Sie waren die beiden Koordinatoren in diesem Bereich. Gewesen.

"Wollt ihr den Bereich Technik und Naturwissenschaft jetzt ganz einstampfen? Einen der beiden Manager habt ihr ja schon entfernt. Ich habe da doch eben was von Ausnutzen der Bodenschätze und Optimierung der Technik gehört. Ganz ohne Techniker? Nur mit Kraft?"

"Käferfraß", stieß Jonas Zwoell hervor, aber Sergeij hielt ihn zurück.

"Wir werden ihn noch ein wenig benutzen. dann sieht man weiter."

Im Wald << Seite 17 >>

Paul ließ die letzten paar Wochen hier auf Terkan in Ruhe an sich vorbeiziehen und stellte fest, dass er zuweilen von einer beeindruckenden Naivität war. Er wunderte sich jetzt, dass er beim Versuch, gleichzeitig zu gehen und zu sprechen nicht ständig hinfiel.

Es fiel ihm auf, dass in der Zeit nach dem Absturz praktisch keine Entscheidung mehr ohne die Beteiligung von Sergeij gefallen war. Mit dem Argument, dass die Technik und der naturwissenschaftliche Machbarkeitswahn sie in diese Situation gebracht hatte, sollte jetzt wieder eine Rückbesinnung auf spirituelle Werte stattfinden. Die reinen Zahlen sprachen für die Leute von der Allumfassenden Gemeinschaft; nahezu die Hälfte der irdischen Expedition gehörte ihr an und es wurden offenbar mehr. Argumente gab es nicht, aber einen festen Glauben an die Kraft des Universums. Mehrfach war ihm schon dieses frömmelnde Getue der Protago­nisten dieser Allumfassenden Gemeinschaft auf die Nerven gegangen, aber er hatte es ignoriert. Paul hatte er sich hier sicher einen einflussreichen Feind geschaffen. Er dachte an Kado und Andra, die offensichtlich auch plötzlich so religiös geworden waren.

Zweifelnd sah er zu ihnen herüber. Ob sie ihn in einer möglichen Auseinandersetzung unterstützen würden? Eigentlich traute er ihnen keinen blinden Opportunismus zu, der sich darin äussern würde, dass sie um ihres Vorteils willen hinter Sergeij herliefen, aber man konnte nie wissen! William, der zwei Plätze links von ihm sass, war ihm bisher noch nicht als religiöser Fanatiker aufgefallen, aber seine Jane schien sich auch in diese Richtung zu bewegen. Fein, fein, da hatte er sich also gegen die herrschende Klasse aufgelehnt, ohne vorher darüber nachzudenken. Er fragte sich, ob er seine Reden wiederholen würde und wusste keine Antwort; er war nicht der Typ mit Eimern voll Zivilcourage, das passte eher in ein Schnapsglas.

Das Essen endete, aber man blieb weiter an den Tischen sitzen. Es bildeten sich drei Gruppen: Menschen, Knn und Terkaner. Man redete über das, was man beobachtet, gehört und erfahren hatte.

Andrus Vitsut berichtete über seinen Gang zu einer der hiesigen Toiletten: fliessendes Wasser, sogar die Toiletten waren wassergespült, und das mitten in der Wüste. Die Reste verschwanden offensichtlich in einer gut funktionierenden Kanalisation. Ein Agrarexperte berichtete von den landwirtschaftlichen Anbaugebieten, die an einem Fluss lagen, der in einer Entfernung von vielleicht fünf Kilometern von Negs entfernt und um einiges tiefer vorbeifloss.

Im Wald << Seite 18 >>

Eine Flussoase also, und die Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern war vernünftigerweise in unfruchtbares Gebiet gebaut worden. Der Fluss war wohl auch die Erklärung für den Wald, in dem die Expedition Unterschlupf gefunden hatte; er versiegte viele Kilometer entfernt im Sand der Wüste, sein Wasser bildete ein Grundwasserreservoir, das auch den zwar weit entfernten, aber tiefliegenden Wald versorgte.

Die Tatsache, dass sie im Wald lebten, erfüllte die Negser mit Staunen und Bewunderung; sie hatten ein Tabu, den Wald nicht zu betreten, sie erzählten von bösen Geistern, die schon viele getötet hatten. Es geht halt nichts über einen gesunden Aberglauben, meinte Sergeij.

Die Kultur hier schien auf einem technischen Niveau zu sein, der verglichen mit dem irdischen vielleicht dreihundert Jahre zurücklag. Die Organisation des Staatswesens war aber dafür offenbar hocheffektiv. Nun, das war natürlich alles nur ein erster Eindruck, man würde das genauer untersuchen müssen. Zuerst mussten sie die Negser dazu überreden, sie in ihrer Stadt aufzunehmen; das würde nicht so einfach sein, 500 Mann auf 30.000, das war schon eine ganze Menge für eine technisch wenig entwickelte Gemeinschaft!

Sergeij redete weiter von ihrer moralischen und geistigen Überlegenheit, die ihnen ein Recht gab, hier die Führung zu übernehmen und Dienstleistungen zu erwarten; sie würden den Negsern dafür die Religion bringen, die sie auf den rechten Weg führen würde.

Paul hielt seine Zunge diesmal im Zaum.

Sie kamen hier an als Bittsteller, als grausam Gestrandete und Sergeij wollte diesen Leuten seine Weltanschauung aufdrängen.

Es versprach, heiter zu werden.

Im Wald << Seite 19 >>
Im Wald << Seite 20 >>
Ab 22jul10: 323 Bes.