II - Kapitel 7
21.Apr.21 .. 01:44 Uhr
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Teil II
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Orte, Personen

Hilfe, Technik

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Paul erwachte, als ihn irgend etwas an der Nase kitzelte. Er öffnete die Augen ein wenig und zuckte zusammen, worauf eine Spinne mit langen, haarigen Beinen aufgeregt davonhuschte.

Die Sonne schien sanft durch das dichte Blätterdach und hatte die Luft schon wieder ein wenig erwärmt. Es roch gut im Wald am frühen Morgen, ein paar Bienen summten in der Nähe von Blüte zu Blüte.

‘Die reine Idylle!’, dachte Paul bitter.

Er erinnerte sich an die gestrige Nacht und fühlte immer noch mit einer Mischung aus Genugtuung und Erschrecken das Triumphgefühl in seinem Inneren, als er festgestellt hatte, dass Andrus Angriff auf Manfred tödlich gewesen war. Andererseits war es ihm einige Stunden zuvor beinahe auch nicht besser ergangen. Es war Andrus wohl wirklich kaum etwas anderes übriggeblieben, ein lebender Manfred hätte ihn, aber auch die beiden anderen ans Messer geliefert.

Jetzt lag Manfred ein Stückchen unter der Erdoberfläche, gut getarnt unter einem grossen umgestürzten Busch.

Sicher würde man ihn irgendwann anfangen zu suchen, Manfred war eine nicht ganz unwichtigere Figur der KRAFT. Gewesen.

Der Boden war aber sehr locker gewesen und dieses Kombiinstrument gab einen sehr brauchbaren Spaten ab. Er schätzte, dass er trotz seiner Schmerzen höchstens eine halbe Stunde gebraucht hatte, Manfred so zur letzten Ruhe zu betten, dass man ihn nicht ohne weiteres finden würde.

Langsam rollte er sich unter der wärmenden Decke hervor; sie war ziemlich dünn, besass aber ein hervorragende Wärmedämmung, so dass er sehr gut geschlafen hatte.

Er sog noch einmal tief den erfrischenden Geruch des Waldes ein, dann sprang er auf - behende wie ein Achtzigjähriger, fand er - und sah sich um. Er hatte sich tief in den Wald zurückgezogen, falls man noch in der Nacht nach ihm suchen würde. Er packte seine Sachen zusammen, fegte den Laubhaufen, auf dem er gelegen hatte, etwas auseinander und ging dann langsam auf den schmalen Trampelpfad zu. In seiner Nähe blieb er stehen und horchte einige Zeit Richtung Dorf. Außer den Geräuschen des Waldes drang nichts an seine Ohren, also trat er aus dem Gebüsch auf den Pfad und machte sich auf den Weg.

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Er schätzte, dass er etwa fünf oder sechs Kilometer Luftlinie vom Dorf entfernt war; die Lichtung im Wald war vielleicht noch einmal so weit weg.

Er kam gut voran, die Spuren seiner gestrigen körperlichen Auseinandersetzung waren weniger gravierend als befürchtet. Dies war wohl weniger eine Folge seiner guten Regenerationsfähigkeit als die segensreiche Wirkung der Tabletten, die er in dem Rucksack gefunden hatte.

Der Pfad wand sich zwischen hohen Bäumen durch das Dunkel des Waldes, scheinbar endlos, aber irgendwann kam Paul doch an die Stelle, nach der er Ausschau gehalten hatte. Er kam an eine kleine Lichtung, an deren Rand drei hohe Buchen ein fast perfektes gleichseitiges Dreieck bildeten.

Hier verliess er den Pfad, um tiefer in den Wald einzudringen. Er musste sich mindestens eine weitere halbe Stunde durch das Unterholz kämpfen, bis er die Stelle erreicht hatte, die er suchte.

Plötzlich wurde der Wald licht, es wuchsen nur noch Sträucher, die höchstens drei oder vier Meter hoch wurden, während ringsherum die Bäume dreissig Meter hoch in den Himmel ragten.

Er setzte sich auf einen umgestürzten Baum in der Nähe, um auszuruhen und über sein weiteres Vorgehen nachzudenken.

Die Sonne stand mittlerweile hoch im Himmel, hier auf der Lichtung war es warm, die Luft war schwer und roch nach feuchter Erde. Schwalbenartige Vögel jagten in halsbrecherischem Flug nach Insekten, wobei sie schrille Pfiffe ausstiessen. Seine Anwesenheit schien sie wenig zu beeindrucken.

Langsam bemerkte Paul eine gewisse Erschöpfung und er beschloss, doch erst einen Mittagsschlaf einzulegen.

Als er wieder erwachte, war es etwas kühler geworden, und er ging mit frischer Kraft an die Arbeit. Er ging um die Lichtung und stellt überrascht fest, dass sie 164 Schritte lang und 167 Schritte breit war. Ging man von einer etwas ungleichmässigen Schrittweite aus, bildete diese Lichtung offensichtlich ein Quadrat!

Hatte er zunächst noch an eine Laune der Natur gedacht, etwa an eine Felsplatte dicht unter der Oberfläche, war er jetzt sicher, dass diese Lichtung künstlichen Ursprungs war. Wer aber hatte diese Lichtung so angelegt, warum hatte er es gemacht und vor allem wie?

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Paul dachte zunächst an Chemikalien, irgendwelche Herbizide oder sowas. Er verwarf den Gedanken schnell, die wären sicher zu schnell abgebaut worden. Und sonst? Genmanipulierte Pflanzen? Bei allem Respekt vor der Kultur der Negser, so weit waren die sicher noch nicht.

Er entschloss sich, an einer Stelle zwischen ein paar besonders schönen, zartrosa blühenden Sträuchern mit betörendem Duft ein wenig zu graben. Was es auch war, das Geheimnis musste im Boden liegen. Und wenn er schon arbeiten musste, dann wenigstens in ansprechender Umgebung.

Auch hier war der Boden locker und feucht, aber er musste sich zum Teil durch dichtes Wurzelwerk graben, so dass sein Hemd schon bald schweissnass an seinem Körper klebte.

Er untersuchte die Erde aufmerksam, konnte aber nichts entdecken. Ärgerlicherweise kreisten alle Laborgeräte, die er sorgfältig zu Beginn der Reise zusammengestellt hatte, zu einzelnen Atomen verdampft im Orbit von Terkan.

Plötzlich wurde er hellwach. Er war an etwas Hartes gestossen und konnte trotz mehrfacher Versuche an dicht danebenliegenden Stellen nicht tiefer in der Boden eindringen.

‘Also doch eine Felsplatte!’ dachte er und überlegte, wie diese Quadratform wohl entstanden sein konnte.

Dann hatte er ein grösseres Stück freigelegt und traute seinen Augen nicht. Aus einem knappen Meter Tiefe glänzte Metall empor.

‘Eine Kiste!’ fuhr es ihm durch den Kopf. Er kam sich vor wie ein Schatzgräber auf der Suche nach Long John Silvers Nachlass.

Dann aber grub er ein Stück von der Grösse eines kleinen Tischs frei und sah es sich genauer an. Eine Kiste war es wohl nicht, dazu war das Ganze einfach zu gross, er konnte nirgends einen Rand finden. Das Metall war silberglänzend und sah aus wie rostfreier Edelstahl. Erstaunt registrierte er, dass seine Arbeit mit der Schaufel keine sichtbaren Kratzer an der Oberfläche hinterlassen hatten.

‘Keine Negser, niemals!’ dachte er. ‘Das ist Edelstahl, wie er selbst auf der Erde oder auf Knn nur aufwendig hergestellt werden könnte.’

Er grub weiter, um an irgendeinen Rand der Stahlplatte zu kommen, aber seine Mühen waren vergebens.

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Paul richtete sich enttäuscht auf, sein Rücken schmerzte. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel, die Lichtung lag im Schatten. In der Nähe wuselte eine Maus durch das Laub, was ihn wieder daran erinnerte, dass er sich ein Nachtlager bereiten musste.

Er entschloss sich, am nächsten Tag weiterzugraben. Zwischen ein paar dichten Büschen in der Nähe fegte er Laub und Reisig zusammen, ass noch ein wenig von den Vorräten aus dem Rucksack, pries noch einmal William und Andrus für ihren Mut und ihre Sorge um ihn, dann schlief er den Schlaf der Gerechten.

Am nächsten Morgen fühlte er sich schon wesentlich besser als am Morgen zuvor. Diesmal fing er mit seinen Grabungen dort an, wo er die Ecke der Platte vermutete, falls sie wirklich so gross sein sollte wie die Lichtung. Jeweils etwa zehn Meter von zwei riesigen Buchen entfernt stiess er den Spaten in die Erde, doch auch hier war er nach einer halben Stunde wieder auf die Stahlplatte gestossen. Etwas ratlos schaute er sich um, dann entschloss er sich, einen guten Meter weiter waldeinwärts zu graben.

"Yeah!" rief er eine weitere halbe Stunde später.

Der Rand der Platte war erreicht. Angetrieben von seinem Erfolg, buddelte er schnell zwei Meter des Randes frei. Dann suchte er das untere Ende der Platte, was er einige Zeit später erreichte.

Er setzte sich auf den Rand der ausgehobenen Grube, um auszuruhen. Als er sich ein wenig erholt hatte, kam er ins Grübeln und Rechnen. Er bückte sich und mass mit der Hand die Stärke der Platte.

‘Mindestens 45, vielleicht sogar 50 Zentimeter’, dachte er noch, dann ging er, seine Schritte zählend, zu der Stelle, an der er gestern gegraben hatte.

Kopfschüttelnd ging er zurück, während er das Gewicht der Platte überschlug.

‘100 mal 100 Meter oder sogar mehr, das sind 10.000, womöglich 15.000 Quadratmeter. Eine knappen halben Meter dick, das sind - rechnen wir mal vorsichtig - 5000 Kubikmeter. Ein Kubikmeter Edelstahl sind etwa 8 Tonnen, das wären mindestens 40000 Tonnen Gewicht, vierzigtausend Tonnen! 30000 Mittelklasse-PKWs. Über 1000 LKWs der größten Bauart, eine Schlange von 20 Kilometern - unglaublich.’

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Er sprang wieder in die Grube und untersuchte den Rand der Platte. Absolut gerade, soweit er das beurteilen konnte, ohne jede Spur von Korrosion, eine vollkommen glattpolierte Oberfläche, auch an den Seiten.

‘Wer? Warum?’ fragte sich Paul. ‘Keine Menschen, wie auch, keine Knn, glaube ich jedenfalls. Und die Terkaner erst recht nicht. Aber wer sonst? Aliens? Witzig, sind wir selbst!’

Dann fragte er sich, ob diese Platte ohne Sinn dort lag und kam zu dem Schluss, dass sich wohl dann niemand die Mühe gemacht hätte, diese Platte hier zu vergraben.

Es war wieder Mittag, und er nahm seine Pause. Grübelnd schlief er ein. Er schlief nicht gut. Grosse Platten hoben sich aus dem Boden und fingen an, um ihn herum zu rotieren. Dann stieg eine in die Höhe und begann, sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller.

Schweissgebadet wachte Paul auf. Die Platte drehte sich, worum? Natürlich um ihren Mittelpunkt!

Er sprang auf und lief einige male um die Lichtung, immer Richtung Mitte schauend. Dann hatte er einige günstige Stellen gefunden.

Auf der nördlichen und südlichen Seite des Platzes war jeweils 10 Schritte von der diagonal gegenüberliegenden Ecke ein fast ungehinderter Durchblick zur anderen Seite möglich, einen ähnlichen Ort fand er auch an den beiden anderen Seiten. Er versuchte, die jeweiligen Ecken möglichst genau abzuschätzen und markierte die Stellen, die er anpeilen wollte, mit einem Stück Stoff, dann ging er in die Mitte der Lichtung und visierte mit zwei Paaren von Stäben diese Stellen an. Vier oder fünf mal lief er hin und her, peilte, versetzte einen Stab, peilte wieder, versetzte wieder. Irgendwann war er zufrieden. Die vier Stäbe standen drei Meter auseinander, der Mittelpunkt liess sich also hinreichend genau lokalisieren - falls er die Eckpunkte der Lichtung richtig abgeschätzt hatte.

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Wieder schwang er seinen Spaten, wieder hatte er eine halbe Stunde zu graben, wieder stiess er auf die Metallplatte.

Er begann, die Platte zu säubern. Und wieder einmal wurde er hellwach. Hier war eine Unebenheit. Er sah genauer hin.

‘Ein Pfeil, oder was?’ dachte er.

Der Pfeil war zwanzig Zentimeter lang und etwa einen Millimeter tief in die Oberfläche eingefräst. Genau konnte Paul die Himmelsrichtungen nicht angeben, aber der Pfeil zeigte ungefähr in Richtung Nord.

Paul grub in diese Richtung und nach einem halben Meter kam er wieder an eine Stelle, an der in die Oberfläche etwas eingefräst war. Diesmal war es eine gerade Linie - nein, bei genauerem Hinsehen erwies sie sich als leicht gebogen. Er grub weiter, wobei er sorgfältig darauf achtete, immer in Richtung des Pfeils zu graben. Mindestens eine Stunde arbeitete er, dann stiess er wieder an eine eingefräste Linie, diesmal war sie aber deutlich gebogen. Innerhalb des Kreises übersäten Zeichen die Oberfläche. Keine menschlichen Zeichen, ganz offenbar, aber auch keine Knn-Zeichen, wie er sie kannte. Auch bei den Negsern hatte er solche Zeichen noch nie gesehen.

Er war jetzt dicht bei einem grossen Busch angelangt, der ihn am Weitergraben in gerader Linie hinderte.

Er schaute in den Himmel, die Sonne stand tief, aber es war noch hell. Er beschloss, die kreisförmige Linie noch etwas freizulegen und dann seine Grabungen zu beenden.

Nach einiger Zeit hatte er genug von der harten Arbeit. Er sah sich das freigelegte Stück des Kreisbogens an und schätzte, dass der vollständige Kreis wohl etwa 5 Meter Durchmesser haben musste. Dummerweise lag der grösste Teil dieses Kreises unterhalb dieses grossen Busches, der ihn eben schon behindert hatte.

Es juckte ihn in den Fingern, diesen Busch auszugraben und die gesamte Fläche freizulegen, aber dann verwarf er den Gedanken. Er ging hinüber zu dem Lager der vergangenen Nacht und legte sich auf die dicke Schicht Laub, die ihm gestern einen guten Schlaf beschert hatte.

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Wenn er die Gräben jetzt zuwerfen würde, könnte man spätestens in ein bis zwei Wochen diese Stellen nicht mehr ohne eine genauere Untersuchung lokalisieren. Sicher würde man ihn suchen, und wer weiss, vielleicht würde sich ein Suchtrupp auch auf diese Lichtung verirren. Deutliche Spuren dürfte er hier nicht hinterlassen, sonst würden die Vertreter der KRAFT nicht ruhen, bis sie ihn gefunden und einem endgültigen Verhör unterzogen hätten. Ausserdem gingen sowohl seine festen wie auch seine flüssigen Vorräte langsam zur Neige, er musste den Wald verlassen und nach Negs kommen, bevor Kunold und die seinen die Stadt übernehmen würden.

Er stand noch einmal auf und ging zu seiner Ausgrabung. Der Wald lag mittlerweile still in der Abenddämmerung, kleine Tiere raschelten in der Nähe. Er fühlte noch einmal über die makellos glatte Oberfläche des Stahls mit den eigenartigen Vertiefungen. Was mochten diese Zeichen bedeuten? Made in Taiwan? Manufactured by Nozzlecast Inc.?

Ein regelmässiges, ganz schwaches Geräusch irritierte ihn. Mit den Händen wischte er ein wenig Erde an der Stelle weg, an der er aufgehört hatte zu graben. Er schrak etwas zusammen. Aus dem Dunkel blinkte eine kleine rote Lampe: blink - blinkblink - blink - blink - blinkblink und nach einer kurzen Pause wieder von vorn. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Er sah sich um, als erwartete er, aus der Dämmerung ein fremdartiges Monster auftauchen zu sehen. Niemand war zu sehen oder zu hören. Mit einem unheimlichen Gefühl stand er auf, schlich zu seinem Nachtlager und fiel kurz darauf in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen sah er als erstes nach der Lampe, sie blinkte immer noch in ihrem alten Takt.

Dann warf er alle Gräben zu, nachdem er die Stäbe, die er gestern zum Peilen benutzt hatte, hineingeworfen hatte. Gegen Mittag war er fertig, zufrieden blickte er über sein Werk. Schon jetzt waren seine Ausgrabungen nur noch bei genauerem Hinsehen zu entdecken.

Weiter drinnen im Wald war ein kleiner Tümpel, an dem er seine Wasservorräte auffüllte. William und Andrus hatten an alles gedacht, auch an einen Desinfektionsfilter; Angst vor einer Krankheit musste er also nicht haben. Der Geschmack der Brühe war ein anderes Kapitel.

Er ging jetzt wieder zu der Stelle, an der er vor zwei Tagen vom Pfad abgebogen war. Den Pfad überquerte er nach dem üblichen vorsichtigen Horchen, ob sich jemand näherte. Niemand kam, vermutlich war das gesamte Dorf, die gesamte menschliche Delegation bei der Vorbereitung des Angriffs auf Negs.

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Am späten Nachmittag erreichte er dann den Rand der grossen Senke, in der sich der Wald befand. Er kletterte den Abhang hoch und sah sich vorsichtig um, aber wieder war niemand zu sehen oder zu hören.

Den Weg hinunter legte er mehr rutschend als kletternd zurück. Unten ging er wieder ein gutes Stück in den dichten Wald zurück, er wollte sich ausruhen, um dann im Schutz der Dunkelheit und der kühlen Nachtluft den Weg nach Negs anzutreten.

Paul erwachte, weil es langsam kühler wurde. Er hatte sich nicht unter die Decke gelegt, damit er nicht die ganze Nacht durchschlief. Es war schon fast dunkel, der Horizont zeichnete sich scharf gegen das letzte Licht des Tages ab. Die Stadt lag mehr als zwanzig Kilometer entfernt, in der Ferne konnte man ihre Umrisse erahnen.

Als sie vor vielen Monaten abgestürzt waren, hatten Sie bei ihrem Marsch durch die Wüste in einer kleinen Geländeabsenkung den Tag verbracht. Paul wusste von einer solchen Mulde, die er versuchen wollte anzusteuern. Sie lag etwa fünf Kilometer von Negs entfernt, fast im rechten Winkel zu ihrem Dorf im Wald gelegen. Wenn die Menschen wirklich einen Angriff auf die Stadt planten, würden sie wohl nicht gerade dort Rast machen - hoffte er.

Um diese Mulde zu erreichen, war ein Marsch von mindestens zwanzig Kilometern nötig, sechs Stunden musste er für diesen Weg durch den Wüstenboden rechnen, eher mehr. Das liess ihm eine Menge Zeit, in der Dunkelheit nach der Mulde zu suchen.

Der Marsch war eintönig, aber seine zeitliche Kalkulation ging gut auf. Ein wenig konnte er die Zeit am Stand der Sterne schon ablesen, und er erreichte die angepeilte Region in tiefer Dunkelheit. Irgendwann liess er sich einfach nieder, um auszuruhen. Die Nacht war kühl, wie in der Wüste üblich. Die fremden Sterne funkelten am klaren Himmel, der Fluss war zu riechen, es war still und friedlich. Am Horizont ging der kleine Mond von Terkan auf und begann, die Wüste in ein schwaches, kühles Licht zu tauchen.

Paul sah sich nun genauer um. Weiter entfernt von der Stadt meinte er eine kleine Absenkung in den gleichmässigen Wellen des Wüstensandes zu erkennen, einen Kilometer entfernt, vielleicht etwas mehr. Er pries den Mond, auch wenn er nur klein war und lief auf die Stelle zu. Der aufgehende Mond machte ihm auch Sorgen; die Negser würden sicher damit rechnen, dass sich die Menschen nicht so ohne weiteres aus der Stadt verjagen lassen würden und Wachen aufstellen, auch in der Nacht. Die Stadt war zwar immer noch nicht deutlich zu sehen, aber er fürchtete, sich gegen den Wüstensand als dunkler Punkt abzuheben.

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Es dauerte nicht lange, dann hatte er die Senke erreicht. Er glitt den Abhang hinab, ging auf ein paar dürre Büsche zu, warf sich auf den Boden und war kurze Zeit später eingeschlafen.

Irgendwann am Morgen wurde er wach, weil ihm die Sonne in die Augen schien. Er verkroch sich weiter hinter die Büsche, warf die Decke und ein paar Kleidungsstücke über sie, um etwas Schatten zu haben, dann legte er sich wieder hin.

Spät am Nachmittag erwachte er dann richtig. Er ging zum Rand der Senke und kletterte hoch. Die Stadt lag erschreckend nah, er meinte sogar einige Leute über die Dächer der Häuser am Rand laufen sehen zu können. Nun, er hatte Zeit bis zum Abend, bei Einbruch der Dunkelheit wollte er den Weg wagen.

Paul fragte sich, wieso der Wind diese im Wüstengelände verstreuten Senken nicht schon längst zugeweht hatte, aber er fand keine vernünftige Erklärung. Es gab zwar nur selten heftigeren Wind, aber auch stetes Sandkorn hätte die Senke füllen müssen.

In Blickrichtung Wald, dort, wo das Gelände etwas abfiel, bemerkte er eine sehr schmale Spalte im felsigen Gestein. Er ging darauf zu, es sah fast so aus, als würden die wenigen Regenfälle in dieser Region an dieser Stelle regelmässig den überschüssigen Sand aus dieser Senke spülen. Für einen Menschen war dieser Durchgang fast schon zu schmal, aber er wusste nun, woher die Schwalben kamen, die er auf der Lichtung beim Jagen beobachtet hatte, sie brüteten oben in den steilen Abhängen.

Er ging zurück und stieg wieder am Rand der Senke hoch. An einer Stelle konnte er sich hinlegen und die Umgebung beobachten, ohne dass ihn jemand hätte entdecken können. Er machte es sich gemütlich und sah sich mehrfach die Stadt und den Raum zwischen Wald und Stadt an. So intensiv er auch schaute, er konnte niemanden auf dem Weg zur Stadt entdecken. Auf den Dächern konnte er aber immer wieder Negser sehen, die offenbar die Umgebung absuchten. Zuweilen hatte er das Gefühl, dass einige von ihnen Zeichen gaben; er konnte allerdings keinen Adressaten orten.

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Er musste wieder eingeschlafen sein. Das nächste, was er bemerkte, war eine Hand, die nach seiner Schulter griff. Halb benommen sprang er auf. Es war schon wieder dämmerig geworden und er sprang auf die Gestalt zu, die am nächsten stand. Die Gestalt wich ein wenig aus, er wurde am Handgelenk gefasst, etwas herumgewirbelt, dann lag er auf dem Bauch und neben ihm kniete jemand, der seinen rechten Arm senkrecht nach oben gebogen hatte und sich auf seinen Handrücken lehnte.

Ein paar Worte auf Negs flogen hin und her, dann liess der Mann ihn los.

Paul schüttelte seinen verdrehten Arm etwas aus und richtete sich auf. Herg sah ihn etwas grinsend an, ein halbes Dutzend weitere Negser standen um ihn herum, zwei von ihnen hatten Armbrüste in der Hand.

Paul kam langsam wieder zur Ruhe, dann zuckte er mit den Schultern und hob die Hände, wobei er seine Handflächen zeigte. Ein wenig musste er auch lachen; Herg war deutlich älter als er, mindestens zwanzig Zentimeter kleiner als er und ihm in Bezug auf Körperkraft deutlich unterlegen. Er hatte ihn aber ohne Mühe unter Kontrolle gebracht.

"Was machst du hier?" fragte Herg.

"Ich möchte in eure Stadt," antwortete Paul. "Bei uns will mich keiner mehr und ich hatte gehofft, dass ihr mich aufnehmt."

"Nun, als Armee ist er auch wirklich zuwenig", meinte trocken einer der Armbrustträger zu Herg. Paul verstand mittlerweile genug Negs, um einer Unterhaltung zumindest folgen zu können; vielen Negsern ging es umgekehrt genauso.

"Ihr rechnet also mit einem Angriff aus dem Wald?", erkundigte sich Paul.

Herg nickte nur.

Paul bestätigte die Vermutung. "Ich bin auch sicher, dass ein Angriff kommt. Kunold und die Seinen werden nicht ruhen, bis sie Negs in der Hand haben."

"Und was machst du dann hier?"

Das Misstrauen war natürlich mit Händen zu greifen.

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Er erzählte von seinen Problemen im Dorf, seine deutlich sichtbaren Verletzungen gaben seiner Geschichte etwas Farbe. Das Ende von Manfred und seine Entdeckung auf der Lichtung verschwieg er vorsichtshalber.

Er ging nicht davon aus, dass ihm die Negser ohne weiteres glauben würden. Wahrscheinlich hielten sie ihn für einen Spion oder Saboteur. Wer wollte es ihnen verdenken nach den guten Erfahrungen mit der Truppe um Kunold.

Sie nahmen ihn mit nach Negs. Er wurde weder gefesselt noch irgendwie besonders bewacht. Ein Fluchtversuch wäre auch wirklich zu ulkig gewesen angesichts der Armbrüste; die Spezialisten schossen auf hundert Meter einer Fliege den Kopf ab.

Sie gingen fast schweigend durch die Nacht. Eine eigenartige Angewohnheit der Negser, die Paul schon früher aufgefallen war: hatte man einen längeren Marsch vor sich, wurde nur das nötigste gesprochen, so als gäbe es eine Art Sprachhemmung.

In Negs gelangten sie durch dasselbe Tor in die Stadt, durch das sie stets gingen, sie verschwanden aber schnell in einem der nächstgelegenen Häuser. Von dort ging es einige hundert Meter unterirdisch in ein anderes Haus, wo Sie von den beiden Geschwistern Dagolesian und Redala erwartet wurden.

Sie wurden kurz von Herg über Pauls Erlebnisse in Kenntnis gesetzt, dann wandte sich Dagolesian an ihn.

"Werden deine Freunde angreifen?"

"Meine Freunde sind nur noch die wenigsten. Aber zu dem Angriff: Sie werden angreifen. Kunold ist sehr erbost über die Vorkommnisse hier in Negs."

"Wann?"

"Ich weiss es nicht. Ich bin ziemlich schnell nach Kunolds Rückkehr aus dem Wald verschwunden. Es wundert mich fast, dass sie es noch nicht versucht haben. Was ist eigentlich passiert?"

Redala sah ihn ernst an.

"Ihr habt einen unserer großen Freunde getötet, um ihn zu essen. Außerdem habt ihr einige unserer Frauen - nun sagen wir einmal respektlos behandelt. Entehrt."

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Paul hatte schon einige male mitbekommen, dass es in Bezug auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ziemlich rigide religiös verbrämte Vorschriften gab: kein ernsthafter Sex vor der Ehe, Fremdgehen war eine schwere Sünde. Homosexualität wurde erstaunlicherweise geduldet. Wahrscheinlich lag der Grund in der lebensfeindlichen Umwelt; Konflikte mussten vermieden, die Einwohnerzahl musste kontrolliert werden, womöglich, sogar wahrscheinlich, hatten die Negser auch Erfahrungen mit Geschlechtskrankheiten. Für die in dieser Beziehung eher lockeren Erdbewohner - wozu gab es Medikamente - war das sicher ungewohnt, aber sie hätten sich wohl dran gewöhnen müssen. Und die Rinder! Abgesehen davon, dass ihm diese Tiere auch gefielen war es unfassbar, dieses Tabu der Negser zu ignorieren.

Nun, Kunold und seine Neuen Allumfassenden sahen Frauen als so eine Art Nutzgegenstand, und die Frauen von Negs natürlich erst recht, schliesslich waren das ungebildete, heidnische Wilde. Und Tiere, was solls.

Da er nichts weiter dazu sagte, ergänzte Redala:

"Ihr habt vielleicht andere Vorstellungen, aber ihr seid zu uns gekommen und ihr müsst euch nach unseren Gesetzen richten, wenn ihr mit uns zusammen leben wollt."

Worte, die in Stein gemeisselt werden sollten.

Den Stein dann aus zehn Metern Höhe auf Kunolds Kopf.

Das Zusammenleben hatte ja eigentlich auch ganz gut funktioniert bisher.

Ihm war es eigentlich egal, wie die Knn oder die Negser miteinander umgingen, solange sie unter sich waren; wenn ihm irgendetwas nicht passte, konnte er es als Marotte belächeln oder einfach übersehen. Er hatte auch immer das Gefühl gehabt, dass die Negser eine ähnliche Einstellung hatten, nie hatte einer von ihnen Kritik am Verhalten der Menschen oder der Knn untereinander geübt. Nun war Paul auch selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre verunglückte Expedition die Sitten der Negser respektieren und sich kompatibel damit verhalten würden. Wenn man aber seine eigenen Vorstellungen absolut setzt, sind einem solche Überlegungen natürlich fremd, dann ist alles falsch, was anders ist und es muss weg. Eine solche Einstellung wäre schon traurig gewesen, wenn sie in der Situation der Negser gewesen wären, völlig erbärmlich wurde sie natürlich in der jetzigen Situation. 'Hoppla, jetzt komm ich. Ich bin zwar in der Minderheit, aber dafür was besseres und jetzt richtet euch gefälligst nach mir.' Das war so in etwa Kunolds Denkart.

Eine solche Einstellung war wohl das Vorrecht fanatisch-fundamentalistischer religiöser Idioten.

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"Wir denken nicht alle so", versuchte Paul zu erklären, "ihr habt das sicher auch schon bemerkt. Wir gehören nicht alle derselben Religion an, man kann das ja sogar sehen. Es sind ja auch nicht alle in den Wald gekommen. Wo sind eigentlich die Übrigen?"

Das unterschiedliche Aussehen von Menschen und Knn hatten sie als Folge unterschiedlicher Religionszugehörigkeit erklärt; die Negser hatten das offenbar auch geglaubt.

"Sie sind weiter in ihrem Sechstel und haben drei von euch gefangen."

Aha! Davon hatte Kunold nichts gesagt. Die Knn hatten offenbar noch alle Tassen im Schrank und schlugen sich auf die Seite der Negser.

"Hat es eigentlich Verletzte gegeben?" fragte Paul.

Nach kurzem betretenem Schweigen antwortete Herg.

"Vier unserer Bürger sind tot, eine ganze Reihe weiterer sind verletzt. Sie sind von eigentümlichen, laut knallenden Waffen getroffen worden."

Paul fasste sich an den Kopf. Ein paar von Kunolds Bande hatte noch Schusswaffen und diese auch eingesetzt. Bisher hatte er eigentlich keine Bedenken wegen des Angriffs gehabt, aber jetzt kamen ihm welche. Armbrüste gegen moderne Schnellfeuerwaffen, das würde womöglich ein ungleicher Kampf.

"Ihr müsst damit rechnen, dass ihr wieder mit diesen Waffen angegriffen werdet. Aber wieso haben euch die anderen nicht geholfen?"

"Sie haben diese Waffen offenbar nicht, zumindest haben sie die nicht benutzt", antwortete Herg. "Hat das auch etwas mit der Religion zu tun?"

Paul war sich nicht sicher, aber sollte das etwa Ironie gewesen sein?

Eine schöne Situation war das jedenfalls. Kunold und die Seinen bewaffnet, voller Wut und von einem göttlichen Sendungsbewusstsein.

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Paul schüttelte den Kopf.

"Nein, nicht direkt. Aber ihr seid 30000 gegen 300, und die anderen werden euch helfen. Das hoffe ich jedenfalls. Eigentlich sollte das reichen, um die Leute aus dem Wald abzuwehren, auch ohne deren Waffen. Ach, so ganz nebenbei, was habt ihr eigentlich mit mir vor?"

Bevor jemand die Frage beantworten konnte, ging die Tür auf und Roguli trat mit Eld herein. Fröhlich sah er nicht aus, Eld runzelte die Stirn, als sie ihn sah.

Die Anwesenden berieten sich kurz, dann bat man Paul nach oben in einen Schlafraum.

"Warte hier, wir haben unten einiges zu bereden."

Paul war verwirrt; diese Höflichkeit! Trauten sie ihm einfach so? Einen naiven Eindruck machten die Negser doch auf keinen Fall.

Er schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit, dann öffnete er das Fenster und lauschte. Nichts war zu hören. Er war schon wieder müde und legte sich hin.

Er wurde vorsichtig wachgerüttelt, Roguli sah ihn an und bedeutete ihm, dass er folgen sollte. Unten richtete Redala das Wort an ihn.

"Wir sind in einer schwierigen Lage. Immerhin wissen wir, dass wir angegriffen werden sollen, wir hatten aber auch damit gerechnet. Dich können wir hier aber auch nicht frei rumlaufen lassen. Viele Negser sind aufgebracht wegen der Ereignisse vor einigen Tagen, irgendeiner würde dich sicher töten. Vielleicht wären aber auch die anderen von euch schneller und würden dich gefangennehmen. Wir wollen dich als Informationsquelle behalten, deshalb schaffen wir dich wieder aus der Stadt heraus. Wir haben ein paar Leute unten auf einem Hof, denen wir vertrauen können, du wirst dort Bauer."

Die Vorgehensweise der Negser überraschte Paul.

"Vertraut ihr mir einfach?"

Roguli antwortete.

"Wer betrügen will, redet viel. Ausserdem sehen wir, dass du ziemlich übel zugerichtet gewesen sein musst."

"Das kann doch ein Täuschungsmanöver sein."

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Roguli zuckte mit den Schultern.

"Was sollen wir machen? Wir vertrauen dir oder oder wir vertrauen dir nicht, etwas anderes gibt es zunächst nicht. Du bist einer von denen, die wir am besten kennen, und wir vertrauen dir weil wir dir vertrauen möchten, aber das Vertrauen hat offene Augen. Wir müssen übrigens noch heute Nacht los."

Die Versammlung löste sich auf, dann ging es mit Roguli, Herg und Herdo, einem weiteren eher kleingewachsenen Negser durch die Unterwelt zu einem Haus im Stadtinneren. Dort wartete ein Ochsenkarren mit Unrat auf ihn. Man steckte ihn in eine Kiste unter dem Karren, die normalerweise zum Transport von Werkzeug und Geräten diente, dann rumpelten sie los.

Am Stadttor gab es eine kurze Unterredung mit einem Knn, aber nach kurzer Zeit konnten sie weiter.

Die Kiste war eng, es stank entsetzlich und er wurde in der engen Kiste hin und her geworfen. Nach einer endlos scheinenden halbe Stunde wurde er endlich aus seinem Gefängnis befreit.

Er war richtig benommen und bekam nur halb mit, wie er gestützt auf Roguli in den Stall des Bauernhofes geführt wurde. Jemand redete noch etwas von plötzlichem Besuch, Zimmer wird hergerichtet und ähnliches unverständliche Zeug.

Paul war es einerlei. Er sank auf eine dicke Schicht Stroh, dann schlief er ein.

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