I - Kapitel 1
20.Apr.21 .. 23:49 Uhr
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Teil I
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Orte, Personen

Hilfe, Technik

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Laute, unwirsche Stimmen drangen an sein Ohr, als er erwachte. Langsam und unwillig öffnete er die Augen, aber er konnte nichts sehen. Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass er nicht in seinem Bett lag, sondern unter einer Schicht von alten, muffig riechenden Klamotten.

Mit dem Arm stieß er an eine Holzwand, auch mit den Füßen konnte er die Wand ertasten; anscheinend lag er in einer großen Holzkiste. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er in diese Kiste geraten war - da hatte er sich gestern abend wohl heftig die Kante gegeben. Dann fiel ihm auf, dass er sich nicht einmal daran erinnerte, was er überhaupt gestern abend gemacht hatte. Er versuchte nachzudenken.

Draußen brüllte ein Mann Befehle, worauf Schritte über einen Holzboden polterten.

Der Geruch stieg ihm immer penetranter in die Nase. Gerade wollte er sich aufrichten, um sich aus dieser misslichen Lage zu befreien und nachzusehen, wer diesen Lärm veranstaltete, als ihm bewusst wurde, dass er zwar Stimmen hörte und diese Stimmen als Befehle deutete, dass er aber kein Wort verstand.

Langsam wurde ihm unbehaglich, er bekam Angst. Seine Fremdsprachenkenntnisse waren zwar nicht groß, Englisch und die Reste Schulfranzösisch, das war eigentlich alles. Zumindest wusste er aber, wie sich Dänisch, Spanisch, Chinesisch oder Polnisch anhörte. Das war es wohl, was ihn beunruhigte; die Befehle waren in einer Sprache gebrüllt, die keiner ihm bekannten auch nur entfernt ähnlich war. Außerdem bekam er mehr und mehr das Gefühl, dass die Männer außerhalb seiner Kiste auf der Suche waren, und zwar nicht irgend jemandem, sondern nach ihm. Nun fiel ihm aber weder ein, warum sie ihn suchen könnten noch wo er überhaupt war.

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Plötzlich näherten sich der Kiste hastige Schritte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als ein Schuh gegen das Holz knallte und sich jemand am Deckel der Kiste zu schaffen machte. Der Deckel wurde hochgehoben, ein Fluch erscholl, ein Stock oder Gewehr traf ihn - glücklicherweise gut gedämpft durch die Kleider - in die Rippen. Eine Lautäußerung erklang, die wohl Ekel ausdrücken sollte und der Deckel knallte wieder zu.

Er atmete ein wenig auf. Noch einige Minuten lang waren die Schritte zu hören, dann trat die ganze Mannschaft offenbar ab und es wurde wieder ruhig.

Trotz des Gestanks verhielt er sich noch einige Zeit ruhig, um sicherzugehen, dass sich wirklich niemand mehr in seiner Nähe befand. Vorsichtig hob er dann den Deckel hoch und sah durch einen schmalen Schlitz nach draußen. Die Kiste stand in einem großen Raum, eine Art Speicher oder Dachboden. Überall Gerümpel, alte Kisten, mehrere Berge alter Kleider - mittelalterliche Uniformen, wie es schien - und einige große Schränke. Es sah aus wie die Kleiderkammer eines Theaters. Das wichtigste aber war: es war niemand mehr im Raum, zumindest sah er keinen Menschen mehr. Er stieg aus der Kiste und sah sich noch einmal vorsichtig um. Niemand war zu sehen; er wurde langsam ruhiger.

Behutsam bewegte er sich jetzt durch den Raum und untersuchte die Kisten und Schränke. Außer weiteren alten Kleidern und mittelalterlichen Waffen fand er jedoch nichts; er war wohl wirklich in einen Theaterfundus geraten. Er setzte sich auf eine Kiste und stützte den Kopf in die Faust.

Ein wenig musste er grinsen.

'Der Denker von Rodin für Arme', ging ihm durch den Kopf. Dann dachte er wieder darüber nach, wie er hier auf diesen Dachboden geraten war, kam aber zu keinem Ergebnis. Erneut scheiterte er auch bei dem Versuch, sich den gestrigen Abend in Erinnerung zu rufen.

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Er hatte ein dumpfes Gefühl im Kopf und konnte sich kaum konzentrieren, ein ständiges leichtes Flimmern lag vor seinen Augen. Je länger er über seine Situation nachdachte, desto unwohler fühlte er sich. Nichts fiel ihm mehr ein. Gar nichts. Er griff an seine Taschen, um Geld oder Papiere zu suchen, aber wie befürchtet war nichts zu finden. In seiner Hosentasche fingerte er nach seinem Haustürschlüssel oder dem Autoschlüssel - wieder nichts.

Kopfschüttelnd stand er auf und ging zu einem kleinen Fenster an der Stirnseite des Raums. Er schob es ein wenig auf und schaute hinaus. Die Sonne schien aus einem wolkenlosen blauen Himmel. Er blickte auf eine schmale, menschenleere Gasse; gegenüber, gut fünf Meter entfernt, stand eine Reihe weiß­getünchter Häuser mit flachen Dächern, das Ende der Reihe konnte er weder rechts noch links sehen. Es war ruhig, kein Auto, kein Mensch, keine Katze, nichts. Irgendwie erinnerte ihn die Szene an Südfankreichs enge, verwinkelte und schatten­spendende Gassen: Uzès, Nîmes, Carcassone. Wie aber war er nach Südfrankreich gekommen?

Plötzlich wurde es auf der Straße laut. Die Stimmen beruhigten ihn, er war also doch nicht ganz allein. Eine Horde Uniformierter bewegte sich im Laufschritt durch die Gasse. Alle hatten dieselben Phantasiekostüme an, die er auch auf dem Dachboden gefunden hatte.

Was war das hier eigentlich, so eine Art Oberammergauer Festspiele auf Mittelalter getrimmt? Wieder fiel ihm jedoch auf, dass zwar die Stimmen bis zu ihm empor­drangen, er jedoch kein Wort verstand. Nichts war’s also mit Südfrankreich, auch Spanien und Italien kamen nicht in Frage. Und dann die Kostümierung dieser sogenannten Soldaten! Eine diffuse Angst ergriff ihn wieder. Es fiel ihm nicht ein, wo er war, wer er war und warum er hier war, aber er hatte das sichere Gefühl, dass die Trachtengruppe, die gerade vorbei­gelaufen war, nach ihm suchte und ihn tot oder lebendig haben wollte.

Nach kurzer Zeit hörte er wieder Schritte auf der Straße. Zwei Männer und eine Frau gingen vorbei.

“Diesmal eine Minitrachtengruppe”, dachte er bei sich.

Auch die drei waren stilecht auf Mittelalter oder Orient getrimmt.

Er sah an sich herunter und erwartete Lederweste, ein blaugestreiftes Hemd und Jeans wie üblich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er zwar anders, aber doch irgendwie ähnlich angezogen war.

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Wieder schaute er auf die Strasse; diesmal lehnte er sich ein Stück aus dem Fenster hinaus und versuchte, weiter nach rechts und links zu sehen. Auf der rechten Seite konnte er das Ende der Häuserreihe nicht erkennen, die Strasse verschwand hinter einer leichten Biegung. Links sah er jedoch in etwa hundert Meter Entfernung eine große und belebte Querstraße. Er beobachtete die Szene einige Zeit. Viele Menschen gingen geschäftig die Straße hinauf und hinunter, aber alle hatten diese altertümlichen Klamotten an. Immer noch hatte er kein Auto gesehen, nicht einmal ein Fahrrad; alles, was er sah, gehörte offensichtlich zu einer Fußgängerzone, in der ein mittel­alterliches Mysterienspiel aufgeführt wurde. Das Ganze wirkte eigentlich ruhig und anheimelnd, wenn nicht in seinem Hinterkopf ständig die Alarm­glocken läuten würden. Er entschied sich, die Kleidung zu wechseln; womöglich würde man ihn sonst sofort als Fremden erkennen.

In einem der Schränke - prächtiges Stück für mein Arbeitszimmer, zumindest nach einer gründlichen Aufarbeitung, dachte er bei sich - fand er, was er suchte. Nachdem er sich umgezogen hatte, sah er fast so aus wie einer der beiden Männer, die eben mit der Frau unter dem Dachfenster vorbei­gegangen waren; auch seine mittellangen Haare und der kurzgeschorene Bart unterschieden sich nicht von dem Gesehenen.

An der dem Fenster gegenüberliegenden Seite des Dachbodens sah er eine Tür. Er öffnete sie und ging langsam die knarzende Treppe herunter, dann eine zweite. Unten ging es auf einen kleinen Innenhof, dann auf die Gasse, die er eben von oben gesehen hatte. Er wandte sich nach links, der belebten Querstraße zu.

Die Vorübergehenden beachteten ihn nicht, er hatte wohl den modischen Geschmack der Menschen gut getroffen. Aufs Geratewohl ging er an der Kreuzung nach rechts. Die Straße fiel etwas ab und lief auf einen großen Platz zu. Sie war breit und gepflastert - geschmackvoll, wie er fand - und war von derselben Art weißgetünchter einförmiger dreistöckiger Häuser gesäumt wie die Gasse, aus der er gekommen war. Immer noch keine Autos; beun­ruhigender waren allerdings einige Dinge, die ihm erst langsam bewusst wurden. Keine Fahrzeuge, keine Straßenlaternen, keine Antennen auf den Dächern, keine Geschäfte, überhaupt keine Anzeichen von technischer Zivilisation. Auch Bäume, Sträucher, Blumen, fast völlige Fehlanzeige. Wo zum Teufel war er gelandet? Die Unruhe blieb ihm erhalten.

Die vorbeigehenden Menschen hatten verschlossene Gesichter. Egal, ob sie einzeln gingen oder in kleinen Gruppen, niemand redete, niemand lächelte. Er konnte sich einfach keinen Reim auf das machen, was er sah. Eine Stadt von magenkranken Autisten, die sich vorgenommen hat, ein Theaterstück aufzuführen? Eine perfekte mittelalterliche Filmkulisse? Ein Alptraum? Unauffällig kniff er sich ins Bein, aber er spürte es. Auch der Schweiß, der ihm auf die Stirn trat, sprach eher gegen die Traumthese. Trotzdem, irgendwie war er nicht so recht Herr seiner Sinne.

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Er war jetzt auf dem großen Platz. Er war rund; innerhalb dieses Kreises war eine Vertiefung in Form eines regelmäßigen Sechsecks, in dieser ein Fünfeck, dann ein Quadrat und ein Dreieck. Die Mitte des Platzes lag etwa zwei Meter unter dem Straßenniveau.

Gern hätte er sich den Platz in Ruhe angesehen, aber die Menschen um ihn gingen weiter und deshalb ging er mit, um nicht aufzufallen. Niemand schien sich in das Innere des Kreises zu wagen, alle gingen außen um den Platz herum.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, vielleicht hundert Meter entfernt, bemerkte er hektische Bewegungen. Eine Gruppe von Uniformierten zeigte in seine Richtung, einige schrien; dann sah er, wie einer der Soldaten auf ihn anlegte, mit einem Gewehr, soweit er das in der aufsteigenden Panik sehen konnte.

Er hörte einen Schuss und dann das pfeifende Geräusch einer vorüberfliegenden Kugel.

Seine ständige unterbewusste Angst hatte ihn also nicht getrogen: er wurde verfolgt, und es schien auch einerlei zu sein, ob er diese Verfolgung überlebte oder nicht. Eigenartigerweise waren die Leute um ihn herum ziemlich unbeeindruckt vom Geschehen. Niemand ging in Deckung, niemand versuchte ihn aufzuhalten; es schien fast, als würde ihn keiner der Leute um ihn überhaupt wahrnehmen.

Die Soldaten liefen laut rufend auf ihn zu und gestikulierten mit ihren Gewehren. Hastig sah er sich um, dann rannte er in die nächste Gasse.

Hier traf er kaum noch auf Menschen, er sah aber auch keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Die Türen der Häuser waren geschlossen und schienen auch so stabil gebaut zu sein, dass man sie nicht mit Gewalt öffnen konnte. Ohnehin eine sinnlose Idee, dachte er, seine Verfolger würden ihn so um so leichter finden.

Schweiß rann über seine Stirn, seine Kleidung klebte am Körper. Andere Gassen kreuzten die, auf der er lief. Wahllos wechselte er die Richtung und verlor so vollends die Orientierung. Da er aber eine leichte Steigung zu bewältigen hatte, vermutete er, dass er wieder auf die Stelle zulief, von der er seine Erkundung gestartet hatte.

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Langsam blieb ihm die Luft weg, das Herz pochte bis zum Hals und er schwitzte so, als käme er gerade aus einer Sauna. Entfernt hörte er das Getöse der ihn verfolgenden Soldaten; er hatte sie anscheinend etwas abgehängt. Nun ja, sie waren ebenso warm gekleidet wie er, mussten aber noch die schweren Gewehre tragen. Er blieb nicht lange stehen. Als sich seine Atmung und sein Puls wieder etwas beruhigt hatte, lief er weiter. Plötzlich lief er wieder auf eine breite Straße zu. Er überquerte sie schnell und versuchte dabei, möglichst wenig aufzufallen. Links erkannte er einige hundert Meter weiter den großen Platz, er versuchte daher, sich nach rechts zu orientieren, nachdem er die gegenüberliegende Gasse erreicht hatte. Nur weg von diesem Platz, weg aus dieser Stadt. Die Häuser wurden niedriger, als er sich von Zentrum entfernte. Dort hatte er nur drei- und vierstöckige Häuser gesehen, jetzt waren sie zweistöckig.

Immer noch sah er kaum Vegetation. Ein großer Park mit vielen Bäumen und Unterholz wäre jetzt angenehm; in diesen Gassen gab es nichts, wohinter man sich verstecken könnte, um in Ruhe die Situation zu überdenken. Hinter ihm wurde es lauter; die Verfolger schienen seine Spur nicht verloren zu haben und kamen wieder näher. Er beschleunigte seine Schritte.

Bisher war er immer auf Kreuzungen zugelaufen, diesmal lief er auf eine Häuserzeile zu. Er entschied sich, nach links zu laufen, um möglichst schnell wieder rechts einzubiegen. Die Straße machte einen leichten Bogen nach links; hin und wieder zweigte eine Gasse nach links ab, nach rechts gab es keinen Ausweg. Hinter sich hörte er Stiefel über das Pflaster knallen, seine Verfolger gaben nicht auf. Etwas widerwillig bog er in die nächste Gasse ab, wieder in Richtung Stadtzentrum.

Mittlerweile hatte er das Gefühl, dass ihm die Augen aus den Höhlen traten. Es war heiß, die Sonne brannte vom Himmel. Er lief zwar oft im Schatten der Häuser, aber diese Gasse bot ihm diesen Schatten nicht. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis ihm die Beine den Dienst versagen würden.

Vor sich sah er auf der rechten Seite ein Haus, das ihn auf eine Idee brachte. Die Fensterbank schien stabil und etwas breiter zu sein als bei den meisten anderen Häusern und wenig neben dem Fenster stand eine kleine Kiste. Er sprang auf die Kiste, trat mit einem Fuß auf die Fensterbank und versuchte, die Dachkante zu packen. Es gelang ihm und er versuchte, sich hoch zu ziehen. Einige Sekunden zappelte er dort, dann spürte er, wie jemand seine Füße packte. Er geriet in Panik, aber zu seinem Erstaunen wurde er hochgedrückt, nicht sehr fest, aber es gab ihm den entscheidenden Schwung. Aufatmend ließ er sich auf das flache Dach fallen.

Vorsichtig schaute er über das flache Mäuerchen, das als Begrenzung des Daches diente. Unten auf der Straße stand eine Frau, angezogen wie alle, die er bisher hier gesehen hatte. Sie schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, hatte langes schwarzes Haar, dunkle Augen, eine dunkle Haut und, was das Überraschendste für ihn war, sie sah ihn an. Dann lächelte sie ihm kurz zu, drehte sich weg und ging auf den Lärm zu, den die herannahenden Soldaten machten. Er legte sich flach hinter die Mauer in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden.

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Der lärmende Haufen klapperte keuchend und fluchend vorbei, dann wurde es wieder ruhig. Er sah über die Begrenzung des Daches, aber sowohl die Soldaten wie auch die schöne Frau waren verschwunden. Die ganze Situation war so schnell vorbeigegangen, dass die Soldaten die Frau sicher nicht gefragt hatten, ob sie ihn gesehen hatte.

Vom Dach aus hatte er eine bessere Aussicht auf die Stadt. Zum Zentrum hin waren die Häuser höher, an den Rändern niedriger, das hatte er schon bei seiner Flucht bemerkt. Vom Dach aus sah die Stadt aus wie ein kleiner Hügel, der in eine Senke auslief. Dummerweise konnte er aber nur einen Blick auf die Stadt werfen, was sich außerhalb der Stadt befand, blieb ihm verborgen, nur ganz in der Ferne meinte er im Dunst ein Gebirge zu erkennen. Der Blick vom Zentrum weg war durch die Häuserreihe verstellt, an der er vorbeigelaufen war, bevor er sich wieder auf das Zentrum zubewegt hatte. Die Häuser lagen etwas höher als das, auf dem er sich befand und das Gelände dahinter fiel offensichtlich wieder ab.

Zum ersten Mal konnte er auch sehen, was sich hinter den abweisenden Häusern verbarg. Es war eigentlich nicht sehr aufregend: ein Innenhof mit einer einfachen Bank, einigen Blumen, Büschen und einem kleinen Baum, der kaum über die Dachkante ragte. Immerhin, es gab doch so etwas wie eine Vegetation. Eine kleine Person ging über den Innenhof und trat in den gegen­über­liegenden Raum. Er duckte sich; das war das erste Kind, das er in dieser Stadt gesehen hatte. Verwundert schüttelte er den Kopf; sperrten die Leute hier ihre Kinder ein?

Wieder blickte er zur Häuserzeile am Rand der Stadt. Eine Weg aus dieser Stadt hinaus konnte es nur durch oder über diese Häuser geben. Er pries die Tatsache, dass alle Häuser hier ein flaches Dach hatten, so dass er sich über die Dächer auf den Stadtrand zubewegen konnte. Dort angekommen, fand er eine Stelle, an der die gegenüber­liegende Häuserreihe höchstens zweieinhalb Meter entfernt war. Er sah über den Dachrand - kein Mensch war zu sehen. Er konnte vielleicht zehn, fünfzehn Meter Anlauf nehmen, um über die Straße auf das Dach der anderen Seite zu springen. Eigentlich müsste das zu schaffen sein, oft genug hatte er solche Szenen in Filmen gesehen. Er nahm alle Kräfte zusammen, sprang und landete knapp, aber sicher auf der anderen Seite.

Seine Hoffnung, von hier aus die Gegend außerhalb der Stadt zu sehen, trog allerdings, da die Begrenzungsmauer – vielleicht auch noch ein Stockwerk - auf der Außenseite mindestens drei Meter hoch war, ein Hinübersehen war unmöglich.

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Nicht weit von der Stelle, an der er gelandet war, sah er im Dach eine Holzklappe. Behutsam hob er sie hoch und sah, dass eine Treppe nach unten führte. Er öffnete die Klappe vollständig, stieg die Treppe einige Stufen hinunter und schloss dann die Klappe wieder leise hinter sich.

Das Treppenhaus war dunkel, aber die Treppe war aus rohem Stein, so dass er geräuschlos hinuntergehen konnte. Unten angekommen schaute er um eine Ecke und erschrak. Keine zwei Schritte entfernt saßen zwei Männer - etwa fünfzig Jahre alt - an einem einfachen Holztisch, auf dem drei Tassen mit einer dampfenden Flüssigkeit standen. Einer der beiden drehte sich zu ihm, sagte etwas, was er nicht verstand und winkte ihn, auf die dritte Tasse deutend, freundlich blickend zu sich an den Tisch.

Er begriff nichts, und obwohl ihn die Situation eigentlich beunruhigen sollte, war er merkwürdig ruhig. Die dritte Tasse war wohl von vornherein für ihn auf den Tisch gestellt worden, also setzte er sich zu den beiden und nahm die Tasse. Er roch daran, es war Tee, normaler schwarzer Tee. Die warme Flüssigkeit wirkte belebend und das Getränk war nicht mal schlecht; solchen Luxus und diese Gastfreundschaft hatte er hier nicht erwartet. Zum ersten mal an diesem Tag hatte er ein Gefühl von Ruhe, Frieden und Sicherheit.

Dieses Gefühl hielt allerdings nur fünf Minuten lang an, genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem Lärm auf der Straße das erneute Erscheinen von Soldaten ankündigte. Er schaute sich nach einem Versteck um, aber der größere der beiden Männer machte eine beruhigende Handbewegung. Als die Soldaten ins Haus eindrangen, wechselte er mit ihnen einige Worte, worauf sie das Haus, ohne ihn gesehen zu haben, wieder verließen. Der Mann sprach nun wieder mit ihm, und obwohl er kein Wort verstand, wusste er, dass er dieses Haus und die Stadt verlassen musste. Nachdem er seine Tasse geleert hatte, legte der Mann die Hand auf seine Schulter und wies zum Fenster, vor dem sich eine weite vegetationslose Ebene ausbreitete. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft und den Schutz, worauf beide Männer leise lächelten und nickten; dann stieg er aus dem Fenster.

Auf der linken Seite sah er am Horizont einen Wald, den er in ein oder zwei Stunden erreichen würde. Langsam bekam er Hunger.

Ab 22jul10: 322 Bes.