I - Kapitel 5
21.Apr.21 .. 01:07 Uhr
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Teil I
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Orte, Personen

Hilfe, Technik

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Am späten Abend, die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden, verließen Dagolesian, Roguli, Eld und Paul das Haus. Nur wenige Menschen waren auf der Straße. Im Dämmerlicht des vergehenden Tages gingen sie etwa einen Kilometer weit, dann gelangten sie zu einem kleinen Platz.

“Einer unserer sechs Marktplätze”, erläuterte Roguli.

Eld ergänzte, auf das größte Haus weisend: “Und der Sitz der Verwaltung unseres Stadtsechstels.”

Der Platz war mit drei- und vierstöckigen Gebäuden umbaut. Die einzigen Lücken in der Häuserfront waren drei abgehende Gassen und eine breite Straße. In der Mitte des Platzes standen um einen kleinen Brunnen einige große Sträucher und kleine Bäume, die dem Platz ein für die hiesigen Verhält­nisse anheimelndes Ambiente gaben. Paul erinnerte sich an seine Flucht durch die Stadt, als er weder Baum noch Strauch auf den Straßen entdecken konnte. Der grüne Fleck auf diesem Platz war das erste Anzeichen von Flora im öffentlichen Bereich der Stadt.

Er fragte sich, wie die Negser das Wasser hierher brachten. Schon in den Häusern hatte er sich über die geradezu luxuriöse Wasserversorgung gewundert: fließendes Wasser, sogar die Toiletten funktionierten mit Wasser­spülung. Da er in den Gesprächen mitbekommen hatte, dass es in der Stadt höchstens zwei- oder dreimal im Jahr regnete, musste das Wasser vom Fluß stammen, der fast hundert Höhenmeter unter der Stadt lag. Nun, schon die Römer waren mit ähnlichen Problemen fertiggeworden.

Sie gingen auf ein Haus mit einem Holztor zu und wurden schon von zwei jungen Leuten erwartet. Als sie eintraten, standen sie in einem gepflasterten Hof, auf dem schon abfahrbereit ein großer, vierrädriger Karren mit einem Ochsengespann stand. Es waren dieselben riesigen, zottigen, freundlichen Viecher, über die er sich schon im Talwald gewundert hatte. Von einem der beiden Tiere wurde er richtig erfreut begrüßt; ohne zu überlegen erwiderte er die Begrüßung, indem er es hinter dem Ohr kraulte.

“Das ist der, der gelacht hat”, erklärte Dagolesian grinsend, während er zu Paul auf den Wagen stieg. Paul überlegte sich, wie wohl sein Gesicht ausgesehen hatte, als er von diesem Tier heruntergerutscht war. Seine Laune begann sich zu heben, er fing an, alles wieder fröhlicher und klarer wahrzu­nehmen, so, als würde sich langsam ein Nebel aus seinem Hirn verflüchtigen.

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Aus dem Haus stürmten zwei Kinder, vielleicht sechs und acht Jahre alt, auf Roguli und Eld zu. Lachend sprangen sie den beiden in die Arme und redeten munter auf sie ein. Welch ein Unterschied zu den Erinnerungen, die von seiner Flucht aus Negs hatte; ihm waren damals nur stumme und mürrische Menschen begegnet, so hatte er es jedenfalls empfunden.

“Herdo ist der jüngere Bruder von Eld”, erklärte Dagolesian und schickte ihn nach hinten auf die Ladefläche. “Die Kinder sollen dich nicht erkennen. Sie haben dich früher schon gesehen, allerdings in deiner alten Kleidung. Weißt du, Kinder reden zuviel, und die Eidechsen sollen nichts davon erfahren, dass du wieder in der Stadt bist.”

Nachdem sich Eld und Roguli von den Kindern verabschiedet hatten, sprangen auch sie auf den Wagen, das Tor wurde geöffnet und der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Straße war breit genug für mindestens vier solcher Fuhrwerke und hatte an beiden Seiten noch einen breiten Bürgersteig. Mittlerweile war es fast völlig dunkel geworden. Vom großen Verwaltungsgebäude ertönte ein Signal aus einer Trompete, kurz darauf öffneten sich Haustüren und einzelne Bewohner traten vor die Tür, um kleine Laternen zu entzünden. Sie spendeten zwar nur ein kärgliches Licht, es reichte aber, nirgendwo anzustoßen. Ihr Weg führte sie über den großen Zentralplatz mit den eigenartigen geometrischen Vertiefungen. Das Licht der Sterne und der Laternen um den Platz gaben dem Ort eine feierliche, ja magische Ausstrahlung.

“Religiöses Symbol”, sagte Dagolesian, als er bemerkte, dass Paul sinnend über den Platz sah. “Leg dich jetzt unter die Säcke da.”

Bei einem Blick in den Nachthimmel fragte sich Paul, wann er endlich wieder ganz Herr seines Verstandes sein würde. Vergeblich sucht er die vertrauten Sternbilder des großen Bären, der Cassiopeia oder des Orion. Irgendeines dieser drei musste, egal welche Jahreszeit im Moment war, auf jeden Fall zu sehen sein. Auch den Mond begann er zu vermissen; warum musste der auch genau dann aufgehen, wenn er schlief.

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Als sie zum Stadttor kamen, winkte Roguli dem Wachhabenden zu, worauf dieser das Tor öffnete. Paul lag unter einigen Säcken und beobachtete den Soldaten durch eine kleine Lücke. Deutlich konnte er dessen eigenartige, leicht schuppige Haut erkennen, es war also einer von denen, die von den Negsern als Eidechsen bezeichnet wurden. Die Kontrollen waren wirklich sehr lasch, allzu schrecklich konnte die Gewaltherrschaft dieser Leute also nicht sein.

“Wieviele von diesen Eidechsen gibt es eigentlich”, fragte er, nachdem er sich wieder unter den Decken hervorgearbeitet hatte.

“187”, antwortete Eld ohne Zögern. “Zu Beginn waren es noch zwölf mehr.”

“Und wo wohnen die?”

“Ach, die haben einfach zwei Zellen besetzt und leben da.”

“Eine Zelle?”

“Jedes Stadtsechstel ist in zehn bis fünfzehn Zellen unterteilt, in der jeweils ungefähr 500 von uns leben. Ihr habt euch damals in Gruppen auf die Stadt­sechstel verteilt, aber die Eidechsen leben lieber zusammen.”

Die beiden Ochsen legten mit einer erstaunliche Geschwindigkeit los, nachdem sie das Stadttor passiert hatten; dieses Tempo hätte er zu Fuss höch­stens hundert Meter mitlaufen können. Der Weg neigte sich jetzt lang­sam und führte in einem langgezogenen Bogen durch die Wüste zum Fluß hinunter, der sich wie ein silbernes Band in den dunklen Flächen der Felder abzeichnete. Rechts sah er gegen den Sternenhimmel einige Windmühlen auf einem hoch aufragenden Felsplateau, träge drehten sich die drei Flügel im schwachen Nachtwind. An den Wegrändern konnte er einige Kakteen entdecken, deren Zahl größer wurde, je näher sie dem Flußniveau kamen. An vielen Stellen wuchsen hier auch kleine Pflanzengrüppchen, die dunkle Inseln in dem hellen Wüsten­sand bildeten. Zwischen diesen Pflanzen huschten kleine Tiere hin und her, als sie rumpelnd vorbeifuhren.

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Allmählich wurde die Pflanzendecke dichter. Der Duft frischer Erde lag in der Luft.

Als sie die Ebene erreichten, wechselten Wiesen und Felder ab, gelegentlich durch Hecken getrennt.

'Fast so wie in Norddeutschland', dachte Paul.

Die Ochsen fanden ihren Weg durch die dunkle Nacht mit traumwand­lerischer Sicherheit. Mittlerweile saß zwar Eld auf dem Kutschbock, aber dieser Platz schien keine rechte Bedeutung zu haben, den Tieren warf sie nur hin und wieder ein paar Worte zu. Sie bogen von dem breiten Weg ab und fuhren an einem kleinen Waldstück vorbei auf eine kleine Anhöhe zu. Soweit er erkennen konnte, standen drei Gebäude zwischen schlanken, hoch aufragenden Bäumen.

Ihre Ankunft war nicht unbemerkt geblieben. Als sie zwischen den Bäumen auf den Hof zwischen den Häusern einbogen, waren im Hof ein paar kleine Lampen entzündet und sie wurden von zwei jüngeren und einer älteren Person erwartet. Als er vom Wagen sprang, kamen die beiden jüngeren Leute auf ihn zu. Der Mann umarmte ihn, wie selbst­verständlich erwiderte er die Umarmung.

“Paul, du bist zurück. Wir dachten, du wärst tot.”

Die Frau umarmte ihn ebenfalls, was ihm schon fast unangenehm war, da sie ihm auf Anhieb gefiel. Die ältere Frau war fünfzig bis sechzig Jahre alt, ziemlich hochgewachsen und strahlte Autorität und Würde aus. Ihre Umarmung war zwar förmlicher als die der beiden jungen Leute, aber nicht weniger herzlich.

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“Beinahe wäre ichs auch gewesen”, gab er zur Antwort. “Auf gewisse Art bin ich auch tot. Ich spüre, dass ich mich hier wohlfühle und euch kenne, aber Dagolesian hat mir erklärt, dass ich mit Drogen ... “

Die ältere Frau unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

“Wir wissen, was passierte. Uns wurde ausführlich berichtet. Macht die Tiere los und kommt dann herein zum Tee.”

Paul band die Ochsen los und beobachtete, wie der eine aus dem Innenhof hinaus anscheinend auf eine Weide trottete, der andere zielstrebig in den Stall marschierte. Da sich niemand über die Eigenständigkeit der Tiere wunderte, beschloß er, dieses Verhalten eben­falls normal zu finden.

Sie gingen ins Haus, wo bereits eine große Kanne mit aromatisch duftendem Tee auf dem Tisch stand. Dagolesian übernahm wie üblich der Vorstellung der drei Negser.

“Um deinem schwachen Gedächtnis nachzuhelfen: Mit Hedolg und Olami hast du schon eine lange Zeit zusammengearbeitet, bis vor zwei Monaten ungefähr, als du den Eidechsen in die Hände gefallen bist. Redala dort ist meine Schwester. Sie koordiniert den Ernteeinsatz von Negs. Sie hatte sich ohnehin hier aufgehalten und ist noch hiergeblieben, um dich zu sehen.”

Daher die würdevolle Autorität dieser Frau, sie hatte in Negs offenbar eine herausragende Stellung. Paul betrachtete die beiden Geschwister. Sie ähnelten sich in der Tat, beide hatten ein eher rundes Gesicht, eine schmale, gerade Nase, braune Augen und weiße Haare. Dagolesian schätzte er auf gut fünfzig Jahre, Redala war vielleicht drei, vier Jahre älter. Gemeinsam war ihnen auch die schlanke Gestalt und die Art, sich zu bewegen und zu gestikulieren. Hedolg, der jüngere Mann, war etwa dreißig Jahre alt, hager, groß, blond; er hatte eng zusammenstehende Augen, was ihm zusammen mit seiner Hakennase und der Narbe an seiner linken Wange ein verwegenes Aussehen gab. Olami war mittelgroß, nicht dick, aber kräftig gebaut und etwa so alt wie ihr Partner Hedolg. Sie lachte gern und oft, wobei die Sommersprossen und die Lachfalten ihren fröhlichen Eindruck noch verstärkten. Roguli und Eld, die sich angeregt mit den beiden unterhielten, waren vom Aussehen das etwas ältere Gegenteil dieser beiden. Roguli war untersetzt, das grobe Gesicht und die kraftstrotzenden Arme, die aus dem kurzärmligen Hemd hervorschauten standen im Gegensatz zu der ruhigen und gelassenen Art zu sprechen. Eld war größer und schlank, die dunklen, langen Haare und die tiefbraunen Augen hatte er schon bei ihrem ersten kurzen Zusammentreffen interessant gefunden.

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Redala wandte sich nun an Paul: “Du wirst morgen mit der Ernte des Roggens beginnen. Unsere großen Helfer mögen dich - mehr als uns, wie ich neidvoll sagen muss - und arbeiten gern mit dir zusammen. Auch deshalb freuen wir uns, dich wieder bei uns zu haben.”

Widerspruch, selbst wenn er ihn hätte äußern wollen, schien ausgeschlossen.

Auch die anderen, Dagolesian eingeschlossen, bekamen ihre Aufgaben zugewiesen, dann begab man sich, nachdem sich alle gegenseitig die Hand­flächen auf die Stirn gelegt hatten, in die Schlafräume im oberen Stockwerk. Paul hatte als einziger ein Einzelzimmer, die anderen schliefen jeweils zusammen. Als er im Bett lag, dachte Paul an Mona, in einer Mischung von Abscheu und Verlangen. Die Lust auf eine Beziehung war ihm im Moment irgendwie vergangen.

Falschheit, dein Name ist Weib!

Dann dachte er an Eld und Olami, die nur einige Meter entfernt schliefen oder auch nicht, und wies diese aus einer frischen Enttäuschung geborenen Gedanken wieder von sich.

Am nächsten Morgen wurde er von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Er stand auf, trat ans Fenster und schaute nach draußen. Ein leichter Nebel lag noch in der Luft. Direkt vor dem Fenster befand sich ein kleiner Gewürzgarten, von dem ein seltsamer, aber angenehmer Duft zu ihm hochzog. Eine Eidechse, diesmal eine echte, lag auf einem großen Stein und nutzte die ersten Sonnenstrahlen um sich aufzuwärmen. Er sah über Wiesen und Felder bis zum Fluß, auf dem gerade ein großes, plumpes Segelboot langsam vorüber­zog. Auf einer Weide nahe des Hauses trieben sich ein halbes Dutzend Ochsen herum und glotzten gelangweilt in die Gegend. Zwischen ihnen kurvten gewandt Vögel herum auf der Jagd nach Insekten.

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Auf dem Hochplateau drehten sich wieder die Windmühlen­flügel, aus zwei großen Gebäuden in deren Nähe stieg Rauch aus den Schornsteinen.

Er drehte sich um, als er jemanden ins Zimmer kommen hörte. Es war Roguli.

“Ah, du bist schon wach. Komm, wir wollen gleich unser Frühstück einneh­men.”

Paul ging nach unten in den Toilettenraum. Er wusch sich mit dem hand­warmen Wasser und vermied dabei, etwas davon in den Mund zu bekommen. Die Frage, wieso er das vermied, beschäftigte ihn noch, als er sich an den Tisch setzte, wo ihn die anderen schon erwarteten. Das Frühstück begann erst, als er Platz genommen hatte.

Olami klärte ihn über seine Vorsicht auf. Das Wasser wurde in einem Tank auf dem Dach gesammelt und in geschwärzten Messingrohren erwärmt. Zum Trinken war es zwar nicht ungeeignet, aber er hatte sich vor einem Jahr, als er zum erstenmal hierhergekommen war, eine heftige Infektion zugezogen, da er gegen die hiesigen Erreger noch nicht immun gewesen war. Mittlerweile, so versicherte Olami, war diese Vorsicht überflüssig.

“Und wie kommt das Wasser auf das Dach?”

“Na, die Ochsen, wie sonst?”

Mit den Tieren wurde das Wasser aus einem kleinen Kanal zu Fluß in einer archimedischen Schraube auf das Dach transportiert und dort mit einer ein­fachen Solaranlage erwärmt, eine simple, aber wirkungsvolle Technik.

“Ich wundere mich seitdem du zurück bist immer wieder darüber”, warf Dagolesian ein, “wie gut deine Gefühle, deine Instinkte funktionieren, und wie wenig du an Wissen behalten hast. Unsere Ärzte haben das bei früheren Unfällen mit dieser Droge auch schon beobachtet, aber es ist einfach verblüffend, wenn man nicht davon hört, sondern es mit eigenen Augen sieht. Du spürst, dass du dich mit uns verstanden hast, und das hast du wirklich, aber wir müssen dir jeden einzelnen Namen wieder nennen. Auch unsere Sprache hast du früher ganz ordentlich gesprochen, aber es scheint nichts übrig zu sein. Wirklich erstaunlich. Aus unserer Erfahrung hält dieser Zustand noch mindestens zwei oder drei Monate an, damit musst du dich abfinden. Mach dir keine Sorgen deshalb.”

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Keine Sorgen! Gute Rede, aber noch zwei Monate wie ein Idiot durch die Gegend laufen, das war schwer zu ertragen. Im Talwald hatte ihn dieses völlige Unwissen fast das Leben gekostet. Die erste Freude darüber, dass er endlich wieder unter Menschen war, die ihn verstanden, dass sich eine Frau liebevoll um ihn kümmerte, hatte sein Unterbewußtsein offenbar ziemlich benebelt.

Als er genauer darüber nachdachte, war es wohl doch nicht völlig benebelt gewesen. Er erinnerte sich daran, dass er sich in den Tagen auf den Feldern wohlgefühlt hatte, besonders zu William und Jane, die sich um die Hühner­farm kümmerten, hatte er eine große Sympathie verspürt, auch an Andra und Hermfried dachte er mit warmen Gefühlen. Jonas hatte er von vornherein irgendwie mißtraut, auch Sergej, dieser selbst­gerechte und autoritäre Prediger des rechten Worts, war ihm suspekt. Und Mona - kein Wort mehr über sie. Eines war aber klar: sein momentaner Zustand bildete eine latente Gefahr für ihn, sobald er sich unter Menschen befand, die ihm nicht wohlgesonnen waren. Wie sollte er sagen, ob sich unter denen aus dem Talwald, die mit Andra nach Negs kommen wollten, nicht der ein oder andere Verräter befand.

Nach dem Frühstück ging er zur Weide und rief nach seinem Ochsen, der auch treu angetrabt kam. Er schlug ihm sanft gegen den Hals, kraulte ihn hinter den Ohren, während das Tier seinen Kopf vorsichtig an seinen Schultern rieb. Paul fragte sich, wie solch ein kraftstrotzender Fleischberg so blöd sein konnte, für ihn und seinesgleichen zu arbeiten.

Sie begaben sich zusammen zur Stallung, wo ihnen Hedolg einen Wagen mit einer mechanischen Mähmaschine zeigte, vor den Pauls Ochse gespannt wurde. Der andere Ochse, der sie gestern hierher gebracht hatte, gesellte sich zu ihnen und wurde ebenfalls eingespannt. Hedolg erklärte Paul kurz die Funktion dieser Maschine. Der Wagen war überwiegend aus Holz gefertigt, nur die mechanischen Teile für die Kraftüber­tragung und die Schneidevorrichtung waren aus Messing oder etwas ähnlichem.

Das Mähen ging dank der kraftvollen Tiere zügig vonstatten, nach zwei Stunden Arbeit unter der heißen Sonne hatten die beiden Tiere jedoch keine Lust mehr. Paul spannte ab und sie machten sich mit ihnen auf den Weg zum Hof. Dort entließ er sie nach einem kurzen Kraulen hinter den Ohren, Hals­klopfen und Streicheln zwischen den Augen auf die Weide. Zu seinem mittlerweile nur noch geringen Erstaunen über diese Tiere erhoben sich nun zwei andere und kamen zu ihm. Die Begrüßung verlief ähnlich wie bei den anderen und sie zogen mit ihm zu der auf dem Feld zurückgelassenen Mähmaschine, um die Arbeit fortzusetzen. Gegen Mittag war das Feld gemäht und die Ochsen zogen das Gerät zurück auf den Hof.

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Langsam kamen auch die anderen aus verschiedenen Richtungen wieder zum Hof zurück und sie setzten sich zunächst in den Schatten der Bäume um einen Tisch. Hedolg marschierte nach kurzer Zeit ins Haus.

“Küchendienst”, meinte Olami grinsend.

Eld holte Becher und Saft aus dem Haus, man plauderte über den Fortgang bei der Ernte, trank, lachte. Nach einiger Zeit zog ein köstlicher Duft aus dem Haus, Hedolg kam und setzte sich zu ihnen. Eine viertel Stunde später gingen sie gemeinsam hinein und setzten sich zu Tisch.

Das Essen war wie üblich einfach, aber dank Hedolgs schon vorher gepriesener Kochkünste sehr schmackhaft. Als erster Gang wurde eine klare Suppe aufgetischt, die viel Gemüse und etwas Geflügelfleisch enthielten. Der Auflauf aus Brokkoli, Zwiebeln und Kartoffeln war mit Käse überbacken und mit Pfeffer und einigen Gewürzen abgeschmeckt, die Paul nicht kannte.

Wieder kam er ins Nachdenken. Er erinnerte sich, dass in Südostasien Milch und Käse nicht zu den üblichen Nahrungs­mitteln gehörte, Chinesen ekelten sich regelrecht vor Käse. Viele Menschen dort waren nicht dazu in der Lage, die Kohlenhydratanteile der Milch zu verarbeiten, daher ekelten sich viele dort vor allem, was aus Milch gemacht wurde. Wenn ihn diese Erinnerung nicht trog, war dieses Essen wieder ein Argument dagegen, dass er sich hier im Himalaja befand. Aber wo sonst? Der ihm völlig unbekannte Stern­himmel ließ auf die Südhalbkugel der Erde schließen, aber wo gab es dort eine Landschaft wie diese? Argentinien, Südafrika, Australien? Ein Königreich für einen vernünftige Atlas!

Nach dem Essen hielten alle einen Mittagsschlaf, da die Arbeit in der Mittagshitze weder Mensch noch Tier zuzumuten war. Bevor dann alle wieder an die Arbeit gingen, setzten sie sich wieder zu der üblichen Tasse Tee zusammen, um sich für den Rest des Tages zu stärken.

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Gearbeitet wurde an diesem Tag bis fast zum Sonnenunter­gang, und an den nächsten Tagen ging es nicht anders. Die Unterschiede bestanden fast nur darin, wer das Essen zubereitete und wie gut er es konnte. Paul wurde von dieser Pflicht ausgenommen, da keiner das Risiko eingehen wollte, sich hungrig zum Mittagsschlaf hinlegen zu müssen.

“Du kochst wie Hedolg, ähm, singt”, meinte Roguli.

Doch so schlimm? Paul erinnerte sich mit leichtem Schrecken an den gestrigen Abend. Wie üblich hatten sie Brettspiele und Karten gespielt, als nach dem dritten Becher Apfelwein Hedolg zu einem Loblied auf den Walnussbaum anhob, einem negser Gassenhauer. Paul konnte sich seitdem den ersten Schritt der Käseherstellung in Negs vorstellen: Hedolg sang die Milch sauer.

Sie arbeiteten in einem eher gemächlichen Tempo, aber es gab in dieser Zeit, wo die Ernte eingefahren werden musste, keine freien Tage. Nach zwölf Tagen war das Getreide endlich geschnitten, gedroschen und in Säcke gefüllt. Täglich wurde eine Wagenladung vom Hof abtransportiert, oft fanden sich abends mehrere Wagen aus benachbarten Höfen und Dörfern zu Konvois zusammen, die gemeinsam zur Stadt fuhren. Die Wagenführer setzten sich auf einem Wagen zusammen, unterhielten sich fröhlich und liessen die Rinder einfach zufahren.

Nach der Erntezeit kehrte wieder mehr Ruhe auf dem Hof ein, Paul bekam wieder Zeit nachzudenken. Vergeblich hatte er bisher auf die Nachricht aus Negs gewartet, dass die Leute aus dem Talwald angekommen seien und er begann, sich Sorgen zu machen. Vielleicht war der Versuch gescheitert, sich aus dem Talwald abzusetzen, möglicherweise hatte es Kämpfe gegeben, unter Umständen sogar Tote. Er bemerkte, dass er vor allem wegen Andra beunruhigt war; es schien, dass er seine Abscheu gegen den weiblichen Teil der Leute aus dem Talwald abzulegen begann - zumindest teilweise.

In den kurzen Gesprächen, die er immer wieder mit den Negsern führte, begann er einen Überblick über die Gesell­schaft von Negs zu bekommen. Die Technik der Menschen hier war ziemlich mittelalterlich, die Organisation sowohl in politischer wie auch wirtschaftlicher Hinsicht aber erstaunlich effizient.

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Die Wüstenlage von Negs hatte zur Folge, dass man mit den natürlichen Lebensgrundlagen sehr behutsam umgehen musste. Die Neg, der Fluss, der das Leben hier überhaupt ermöglichte, kam aus den Bergen, die er fern am Horizont bei klarem Wetter sehen konnte, und führte hinaus in die Wüste, wo er im Sommer etwa achtzig Kilometer weiter versickerte; nur zur Zeit der Schneeschmelze im Gebirge erreichte er für wenige Wochen ein Sumpfgebiet, das mehrere Hundert Kilometer enfernt lag. Nur dann war es auch möglich, die Stadt Nök, die in der Nähe dieses Sumpfgebietes lag mit Lastkähnen zu erreichen und etwas Handel zu treiben. Die Existenz des Talwaldes hing, so glaubten die Negser, genauso vom Fluß ab wie ihr eigenes Überleben.

Unglücklicherweise führte der Fluß nicht in jedem Jahr soviel Wasser, dass die Vege­tation im Überfluß wucherte wie im Moment, deshalb war eine konsequente Vorratspolitik notwendig. Es hatte schon oft Zeiten gegeben, in denen die Ernte nur ein Viertel der normalen Menge betrug, dann mussten sich die Negser längere Zeit mit einer Mischkost aus Getreide, Hülsen­früchten und dem wenigen, was geerntet wurde, am Leben halten.

Solche trockenen Jahre waren immerhin so häufig, dass die Negser schon aus purem Egoismus dazu gezwungen waren, zusammenzuhalten. Gemein­schafts­sinn war bei den Negsern eine überlebensnotwendige Tugend. Es gab zwar Unter­schiede im persönlichen Besitz, Ansehen erwarb man sich aber eher aufgrund besonderer Leistungen als mit großem materiellen Reichtum.

Paul kam zu dem Schluss, dass sich eine solch zumindest nach außen harmonische Form des Zusammenlebens wohl nur unter Lebensbedin­gungen herausbilden konnte, wo man so auf den anderen angewiesen war wie hier. Eine Überflussgesell­schaft, wie die, aus der er stammte, brachte immer viele Leute hervor, die sich durch Besitz von anderen abheben wollten. Das hatte dann zwar den Effekt, dass diese Leute gelegentlich nicht nur den eigenen Wohlstand mehrten, sondern auch den Wohlstand der gesamten Gesellschaft. Stets waren aber auch große soziale Unterschiede mit den entsprechenden Spannungen die Folge.

Er fühlte sich wirklich wohl hier, seine Freunde hier schienen weit weniger hektisch und herzinfarkt­gefährdet als der übliche Bürger der technisierten Welt. Manchmal hätte aber er doch gern andere Musik gehört als die einfachen, handgemachten Melodien, die abends oft erklangen, er vermisste seinen Computer, die Möglichkeit zu reisen und vieles mehr, was ihm auf Anhieb nicht einfiel.

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Einige Dinge an den Negsern erstaunte ihn so sehr, dass er sich nicht länger mit seinem partiellen Gedächtnisverlust abfinden wollte. Die Negser kannten als Metall außer Gold und Silber fast nur Messing, also eine Legierung aus Kupfer und Zink. Diese Metalle wurden im Gebirge abgebaut und verarbeitet, dort wo auch der Fluss Neg entsprang. Er hielt es aber für ausge­schlossen, dass eine Kultur auf den Gebrauch von Eisen weitgehend verzichtete, obwohl es doch überall auf der Welt bekannt war. Bei dieser Beobachtung kam wohl wieder der Naturwissenschaftler in ihm durch. Eisen war seit etwa 2000 vor Christus bekannt, und seitdem wurde es auf dem Teil der Welt genutzt, die mit Eisen umzugehen verstanden. Bisher hatte er Eisen hier nur an den Schneiden der Mähmaschinen entdecken können, wobei diese Kombination zwischen Eisen und Messing die Korrosion des Eisens nur förderte. Selbst wenn sie hier nur wenig Eisen selbst gewinnen konnten, etwas Handel mit der Außenwelt betrieben sie, wie Dag ihm erzählt hatte, und da sollte doch auch etwas hochwertiger Stahl anfallen. Negs war sicherlich kein Zentrum der Hochtechnologie, aber die Gegenstände des täglichen Lebens, ob aus Keramik, Messing, Glas oder vor allem Holz waren außer­gewöhnlich kunstvoll gearbeitet und gleichzeitig effektiv; an der mangeln­den technischen Intelligenz der Negser konnte es nicht liegen, dass kaum Eisenwerkzeug zu entdecken war.

Oft sprach er mit Dagolesian auch über die Zeit, als er mit seinen Freunden in Negs aufgetaucht war. Immer wieder war die Rede von einer Explosion über dem Talwald, bevor sie kamen. Es war gegen Abend passiert, deshalb hatten es viele Bewohner von Negs beobachtet, seitdem war der Wald den Leuten hier noch unheimlicher als ohnehin schon. Wenn er sein Gedächtnis schneller wiederhaben wollte, musste er den Weg zurück wohl wagen. Dort, wo die Explosion stattgefunden hatte, musste der Schlüssel zu allem liegen.

“Ich muss in den Talwald, Dag. Ich muss die Stelle finden, wo sich die Explosion ereignet hat. Zumindest irgendwelche Überreste von dem, was da hochgegangen ist, müssen noch zu finden sein, sonst wäre von mir und den anderen auch nichts mehr übriggeblieben.”

“Zu gefährlich. Wenn dich die Eidechsen unterwegs nicht entdecken, dann töten dich deine lieben Freunde im Wald. Und wie willst du die Stelle finden, der Talwald ist groß.”

Das war in der Tat ein Problem. Nach seinen eigenen Erfahrungen und den Erzählungen von Dagolesian musste er mehr als 20 Kilometer lang sein und fast ebenso breit, das waren sicher 400 Quadratkilometer.

“Kann mich keiner von euch begleiten, es ist jetzt hier nicht mehr so viel zu tun.” Paul erinnerte sich an das Verbot, den Wald zu betreten. “Zumindest bis zum Rand des Waldes?”

“Wir werden es bereden.”

Immerhin war das kein klares Nein.

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In dieser Nacht schlief Paul wieder unruhig. Explosionen, Sergej, der ihn verfluchte, fröhliche Gesichter vor einer großen Schalttafel, riesige Säle voller Metallbehälter, dann wieder Jonas, der sich auf ihn stürzte.

Als er am nächsten Morgen in den Wohnraum hinunterkam, saßen schon alle am Tisch und diskutierten.

Wie üblich hatten sie mit dem Beginn des Frühstücks gewartet, bis alle im Hause anwesenden zusammmen waren. Als sie ihn bemerkten, wandte sich Roguli an ihn.

“Wir haben beraten, und wir werden dich begleiten. Nicht alle, natürlich, aber Dagolesian, Olami und ich.”

Irgendein tiefsitzender Reflex wollte ihn sich wundern lassen, dass auch eine Frau den sicher nicht ungefährlichen Weg durch die Wüste wagen wollte. Dann dachte er an Andra, dachte an die gemeinsame Erntearbeit der letzten beiden Wochen und wunderte sich nun, wie er überhaupt auf die Idee gekommen sein mochte, sich über die Begleitung durch Olami zu wundern.

Sie beschlossen, sich bereits nach dem Frühstück reisefertig zu machen. Zu den üblichen halblangen Hosen, die bis zu den Waden reichten, und den groben Hemden packten sie auch noch warme Woll­kleidung, da die Nächte in der Wüste sehr kalt werden konnten.

Die Verabschiedung war herzlich, man umarmte sich, legte sich gegenseitig die rechte Hand auf die Stirn und die Zurückbleibenden wünschten den Reisenden eine gute Heimkehr.

Das erste Stück des Wegs legten sie auf einem Ochsenkarren zurück, der eine Ladung Getreide zu den Mühlen auf dem Hochplateau bringen sollte. In der gewohnten zügigen Fahrt, die ihn eher an ein Pferdegespann erinnerte, ging es durch die breite Ebene, die der Fluß im Laufe von Jahrmillionen dem hochliegenden Wüstenland abgerungen haben musste. Der Geruch von frisch geschittenem Gras lag in der Luft. Auf den Feldern arbeiteten vereinzelt Menschen, zuweilen winkte jemand zu ihnen herüber. Die Sonne stieg langsam in den Himmel und vertrieb die letzten Reste des Nachtnebels. Schwalben segelten durch die Luft, die abrupten Richtungswechsel deuteten an, dass die Insekten weniger Freude an diesem Bild haben dürften als die vier auf dem Wagen. Kam der Wagen an einer Weide mit Rindern vorbei, entspann sich zwischen ihren Ochsen und denen auf der Weide eine regelrechte Unterhaltung aus Grunz- und Brummlauten. Auf dem Hof war ihm das nie so aufgefallen; ent­weder sie unterhielten sich nur nachts oder sie hatten sich schon alles erzählt.

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Kurz nachdem sie eines der wenigen Dörfer in der Ebene durchquert hatten, stieg das Gelände langsam an und der Wechsel von Weiden, Feldern, Gemüse- und Obstkulturen und kleinen Waldstücken wich einer eintönigeren Flora. Büsche mit derben Blättern säumten den Weg, dazwischen standen einige Kiefern, deren Pfahlwurzeln offenbar das Grundwasser noch erreich­ten. Dann sah man nur noch die typische Wüsten­vegetation aus Dickblattgewächsen und kleinen Kakteen, auf den Felsen räkelten sich grün schimmernde Eidechsen. Schließlich verschwanden auch die letzten Reste der Vege­tation.

Der Weg wand sich nun zwischen den Felsen hindurch mühsam bis zu den Windmühlen hoch. Als Paul sich in einer Kurve umdrehte, um noch einmal auf diese grüne Oase in der Wüste zurückzuschauen, fragte er sich, warum er nicht einfach dablieb, sich mit dem einfachen, aber sicheren Leben dort arrangierte und mit den Leuten zusammenblieb, die ihn mochten, anstatt sie in Gefahr zu brin­gen. Aber dieses Gefühl, eine Figur in einem Spiel zu sein, dessen Spielregeln er einmal beherrscht haben musste und nun vergessen hatte, das machte ihn unruhig. So zu leben war letztlich gefährlich, und zwar für ihn und auch für seine Freunde. Wenn man an einem Spiel teilnahm, sollte man die Regeln mindestens so gut kennen wie die, gegen die man spielte.

Er lächelte bitter. Auf jeden Fall musste man wissen, wer mit und wer gegen einen spielte, das war schon beim Doppelkopf so.

Als sie das Plateau erreicht hatten, sah Paul erst, wie groß diese Windmühlen waren. Etwa ein Dutzend dieser mindestens zwanzig Meter hohen Gebäude standen in einer Reihe, dazwischen und dahinter weitere kleinere Mühlen. Bei einer dieser kleineren Mühlen lieferten sie ihre Ladung ab. Roguli sprach kurz mit dem Müller, um dafür zu sorgen, dass der Wagen zurück auf den Weidenhof gebracht würde, dann setzten sie den Weg zu Fuß fort.

Mittlerweile war es schon nach Mittag und die Luft lag flirrend über der Wüste. In der Ferne konnten sie als dunklen Fleck den Talwald erkennen.

“Du hast von diesem Ausguck erzählt, den deine Leute auf einem hohen Baum eingerichtet haben”, erkundigte sich Dagolesian. “Haben die eigent­lich auch optische Hilfsmittel, also ein Fernrohr oder sowas?”

Paul konnte keine sichere Antwort darauf geben, da er selbst nie oben gewesen war. Andra hatte allerdings nie so etwas erwähnt, auch war der Angriff der Eidechsen auf das Dorf erst sehr spät gemeldet worden.

“Ich glaube nicht, zumindest kann es nichts sehr gutes sein, sonst hätte man die kleine Eidechsenarmee damals schon viel früher bemerken müssen. Wir können uns allerdings nicht darauf verlassen.”

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Olami zog eine Karte aus ihrem Rucksack.

“Wir gehen hier zu diesem Flecken”, dabei deutete sie auf einen kleinen grünen Punkt auf der Karte, “das schaffen wir in vier Stunden. Dort schlafen wir bis die Nacht beginnt, dann marschieren wir bis zum Wald. So können wir sicher sein, dass man uns nicht entdeckt. Wenn wir es nicht ganz bis zum Wald schaffen, haben wir hier einen zweiten Flecken, der nur noch knapp zwei Dreb vom Wald entfernt ist. Dieser Flecken wäre ohnehin ein guter Stützpunkt für die Erkundung des Waldes.”

Der Weg durch die Wüste war natürlich von grausiger Eintönigkeit. Sie war fast völlig eben, wenn man davon absah, dass sie zum Talwald hin fast unmerklich abfiel. Auf dem Hochplateau war es zwar auch ziemlich vegetationslos, aber dort konnte man sich wenigstens am Anblick des ein oder anderen Felsens laben. Hier sah man aber, soweit das Auge reichte, nur lehmigen Sand. Auf seiner Flucht aus der Stadt hatte er all dies kaum wahrgenommen, da er noch noch zu stark unter Drogen stand. Auf seinem Weg vom Wald zurück in die Stadt hatte er andere Sorgen gehabt als die langweilige Gegend zu beklagen; der Schmerz und das beginnende Fieber hatte ihn hinreichend abgelenkt.

Sie hatten lange Umhänge und ein Kopftuch angelegt und marschierten hintereinander, Olami ging voran. Nachdem sie ein ange­mes­senes Tempo gefunden hatten und im Gleichschritt durch die Wüste liefen, gab Dagolesian Blätter herum.

“Gegen die Langeweile”, war der kurze Kommentar.

Sie kauten darauf herum und Paul dachte an die Geschichten von den Kokablätter kauenden Inkaboten, die unglaubliche Entfernungen in den Anden zurückgelegt hatten, ohne zu ermatten. Südamerika! Das wäre wirklich eine Erklärung dafür, dass kein Großer Bär am Nachthimmel zu entdecken war! Bevor er genauer darüber nachdenken konnte, merkte er, wie seine Konzentration nachließ.

Er ging im immer gleichen Trab, aber die Wüste um ihn veränderte sich. Sie wurde nun völlig glatt und eben wie ein Tisch. Die Farbe veränderte sich unendlich langsam vom grellen Gelb in ein warmes Rotbraun. Hin und wieder flog einer seiner Mitmarschierenden rechts an ihm vorbei, manchmal flog er an ihnen vorbei. Ab und zu hatte er das Gefühl, dass Negs, das weit auf der rechten Seite lag, sich pulsierend auf und nieder bewegte, kaum merklich zwar, aber dennoch unüber­sehbar. Seine Freunde schien das nicht zu beun­ruhigen. Blöde grinsend flogen sie an ihm vorbei, ebenso blöde grinsend sahen sie zu ihm herüber, wenn er an ihnen vorbeiflog. Gib uns einen bunten Luftballon, oder sogar 99 davon und wir fliegen ...

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Irgendwann ließ die Wirkung des Blattes langsam nach. Negs lag ruhig auf dem Hügel wie immer, die Wüste war gelb wie immer und sie wechselten sich in der Führungsarbeit ab wie die Zugvögel, da ihnen ein heißer, staubiger Wüstenwind ins Gesicht blies.

Der Flecken, wie Olami ihn genannt hatte, war eine Senke wie die, in der er auf der Flucht aus dem Wald ausgeruht hatte. Als er wieder klar denken konnte, war die Senke nur noch wenige hundert Meter entfernt; seine Freunde kannten sich offenbar in der Dosierung dieser Droge genau aus. Nachdem sie Hunger und Durst gestillt hatten, fertigten sie eine Art Sonnendach an, indem sie ihre Umhänge zusammenknöpften und zwischen die Büsche hängten. Schnell fielen Sie in einen tiefen Schlaf.

Sie wurden wach, weil es kühler wurde. Die Sonne war untergegangen, strahlend und für seine Augen erstaunlich hell standen die Sterne am Himmel. Im Wald hatte er den Himmel nie so bewundern können und am Fluß war es nachts oft nebelig gewesen. Und diese klare Wüstenluft war doch etwas anderes als die verschmutzte Luft in den europäischen Ballungszentren.

Nachdem sie sich wieder mit Tee und Brot gestärkt hatten, stiegen sie aus der Senke empor. Rechts konnte man in der Ferne als dunklen Schatten vor dem Nacht­himmel Negs erkennen, vor ihnen war der helle Wüstensand. Paul erkannte kaum etwas, aber Olami sah nur kurz zum Himmel und ging dann los.

Der Weg durch die Nacht war nicht weniger eintönig als am Tag, aber einige der Blätter halfen ihnen, die Langeweile zu besiegen. Als der neue Tag heraufdämmerte, waren sie zwar durchgefroren, hatten aber die Senke erreicht, die Olami als Ausgangspunkt für die Erforschung des Waldes ausgewählt hatte. Er fragte sich, wie sie unter Drogeneinfluß dieses kleine Fleckchen Grün in der Wüste hatte finden können, aber sie schien ein Orientierungsgenie zu sein, auch Dag, diese würdige Autoritätspeson, folgte ihr stets ohne zu zögern.

Wieder aßen und tranken Sie, dann schliefen sie sich aus. Diesmal wurden sie wach, weil Dag sie weckte.

Die Sonne war bereits auf ihrem Weg zum Horizont, es war später Nachmittag. Die Senke lag etwa 20 oder 30 Meter unterhalb des Wüstenniveaus. Die Vegetation war spärlich, Trockengräser, Kakteen, Dickblattgewächse und als Krönung einige kleine Eukalyptusbüsche mit schütterer Belaubung. Keine sattgrüne Oase, aber immerhin, es gab etwas Schatten und sie waren gegen Einblicke geschützt.

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Offenbar litt nicht nur Paul unter den Nachwirkungen der Blätter. Schweigend aßen sie von ihren Vorräten und alle tranken, als hätten sie einen Riesenkater. Schließlich erhob sich Roguli, nahm aus seinem Rucksack einen länglichen Holzgegenstand und stieg zum Rand der Senke empor. Vorsichtig sah er durch das Holzrohr über den Rand und suchte den Horizont ab.

“Man kann niemanden sehen”, sagte er, als er wieder unten ankam.

“Wir sollten vor Sonnenuntergang losgehen, dann finden wir am Waldrand noch einen vernünftigen Platz, an dem wir die nächste Nacht verbringen. Außerdem können wir vielleicht unsere Vorräte noch ein wenig auffrischen. Unsere großen Rucksäcke lassen wir hier, nur kleines Gepäck.” Dag wandte sich an Paul. “Wir befinden uns am von Negs aus gesehen hinteren Teil des Waldes. Wenn wir den Berichten derer, die es damals gesehen haben, glauben sollen, muss dort das, was du als Flugzeug bezeichnet hast, heruntergefallen sein. Dort fand die Explosion statt.”

Paul bat um das Holzrohr und bekam zu seiner Über­raschung ein feingearbeitetes zusammenschieb­bares Fernrohr aus einem sehr harten und schweren Holz, das in einer stabilen Lederschatulle aufbewahrt wurde. Er blickte prüfend hindurch und fand, dass es ein erstaunlich sauberes Bild in einer ordentlichen Vergrößerung lieferte; die Negser kannten sich wirklich in der Bearbeitung von Glas und Holz aus. Er stieg ebenfalls zum Rand der Senke hoch und schaute über den Rand. Sie waren fast ganz am Wald vorbei­gelaufen, in den vergangenen andertalb Tagen hatten sie sicher dreißig Kilometer durch die Wüste zurückgelegt. Negs war durch die hitze­flimmernde Wüstenluft nur noch durch das Fernrohr am Horizont zu erkennen. Er blickte nun zum Wald hinüber, der etwa zwei oder drei Kilometer entfernt war. Mit gespannter Aufmerk­samkeit suchte er zunächst den Waldrand ab, aber auch er fand kein Zeichen von Menschen. Dann beobachtete er mit höchster Konzentration den oberen Rand des Waldes und tatsächlich, am anderen Ende konnte er schwach aufsteigenden Rauch entdecken. Sie waren also noch da, und das Dorf war offenbar noch an der alten Stelle oder dicht dabei. Weit konnten sie sich, wenn überhaupt, nicht bewegt haben; in diesen hinteren Teil des Waldes wollten sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht ziehen. Einige Bäume ragten einige Meter über die übrigen hinaus, aber so sehr er auch suchte, er konnte keinen Ausguck oder etwas ähnliches entdecken. Dann sah er zum anderen, hinteren Ende des Waldes, um zu sehen, ob es irgendwelche Anzeichen für einen Flugzeugabsturz gab. Am Rand des Waldes fand er nichts, aber er glaubte, in der sonst ganz ebenmäßigen Linie der Baumwipfel eine kleine Delle entdecken zu können; Zufall vielleicht, aber möglicher­weise auch die noch nicht vernarbten Wunden einer großen Explosion. Die Stelle konnte nicht sehr weit vom Waldrand entfernt sein, denn in Richtung des Dorfes konnte er keine solche Dellen sehen, obwohl sich doch große Lichtungen im Wald befanden. Er suchte den Horizont einmal in alle Richtungen ab, außer dem Wald und dem in der Ferne liegenden Negs sah er aber nur die flache, gelbe, unendlich erscheinende Wüste.

Als er wieder bei den anderen angekommen war, berichtete er über seine Beobachtungen und man beschloß, die Delle genauer zu untersuchen. Sie warfen ihre hellen Umhänge über und setzten ihre Kopftücher auf. Jeder band einen kleinen Teil des Rucksackes mit Proviant vom Rest und hing diesen in die Bäume. Dann machten sie sich auf den Weg.

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Diesmal ging es ohne die Blätter; sie liefen eine Stunde durch den Sand, dann waren sie am Waldrand. Pauls Puls ging höher vor Aufregung, aber er bemerkte auch, wie sich seine Begleiter unwohler fühlten, je näher sie dem Wald kamen. So sehr er auch versuchte, die Gründe dafür herauszufinden, sie zogen sich immer auf ihr religiöses Tabu zurück. Während sie am Waldrand entlanggingen, fragte sich Paul, warum diese Leute ihn trotz ihrer Angst oder was es auch immer sein mochte hierhin begleiteten. Ihm fiel eine schöne und eine unschöne Erklärung ein. Die schöne wäre eine tiefe Freund­schaft, die sie zu ihm, das heißt zu dem jetzigen oder dem früheren Paul oder sogar beiden hegten. Sie wussten, dass er es allein nie schaffen würde und halfen ihm trotz ihrer Unsicherheit und Angst. Die weniger schöne war, dass sie seiner Kenntnisse habhaft werden und ihn deshalb nicht aus den Augen verlieren wollten.

Er sah sich die drei an. Dag, der hagere, große, grauhaarige Mann mit dem Denkergesicht, Roguli, ein untersetzter, wortkarger und vertrauens­einflö­ßender Bulle von Mann und Olami, die muntere Frau mit der erstaunlichen Orien­tie­rungs­fähigkeit und der Bombenkondition, sie schien von allen die am wenigsten Erschöpfte zu sein.

Er dachte an seine “Freunde” im Dorf, denen er auch zuerst getraut hatte, an Jonas, der ihn eliminieren wollte, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein wirk­liches Mißtrauen zu den Negsern wollte sich aber nicht einstellen, so sehr er sich auch darum bemühte. Er musste seinem Instinkt folgen, der ihn vor nicht allzu langer Zeit so glänzend vor der ewigen Ruhe bewahrt hatte; zu diesen Leuten hier fühlte er Sympathie, Bewunderung, Freundschaft, und das war im Dorf nur bei einigen wirklich der Fall gewesen. Und schließlich: welche Wahl hatte er schon?

Olami hielt die Gruppe an und zeigte nach unten. Sie befanden sich an einer Stelle, an der sie gut in den Wald hinuntersteigen konnten. Sie stellten sich zusammen und legten die Hände aufeinander, Paul sah die Unruhe in ihren Gesichtern. Sie sahen ihn an.

“Du schützt uns, Paul.”

Dag, Roguli und Olami legten nacheinander die Hand auf seine Stirn und er die seine auf ihre. Dann stiegen sie hinunter, aufmerksam den Waldrand beobachtend. Nichts passierte, und seine Freunde wurden langsam ruhiger.

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Nahe am Waldrand, noch im Hang, schlugen sie ihr Nachtlager auf, schoben Laub zu einer Art Matratze zusammen und deckten sich mit ihren Umhängen zu. Obwohl sie nicht sehr lang unterwegs gewesen waren, schliefen sie schnell ein.

Am nächsten Morgen standen sie früh und erfrischt mit dem ersten Sonnen­licht auf; die Nachwirkungen der Drogen hatte anscheinend aufgehört. Sie mussten sich sich nun ihren Weg durchs dichte Unterholz bahnen, kamen aber recht schnell voran.

Je weiter sie in den Wald eindrangen, desto stickiger und feuchter wurde die Luft, es roch nach verfaulendem Laub, nach Morast, zuweilen fiel eine Stechmücke lästig. Gelegentlich mussten sie Pfützen ausweichen, der Untergrund federte.

Nachdem sie sich eine Stunde durch den Wald gekämpft hatten, bemerkten sie, dass bei einigen Bäumen die Wipfel wie nach einem Sturm abgebrochen waren, frische Zweige waren jedoch schon lange wieder ausgetrieben. Sie gingen in Richtung der abgebrochenen Baumspitzen. Langsam wurden die Schäden deutlicher, hier und da war ein ganzer Baum umgestürzt und wurde schon wieder überwuchert.

Plötzlich hielt die Gruppe an. Vor ihnen im Unterholz, auf einer kleinen Anhöhe, war eine große Masse im Zwielicht des Waldes zu erkennen. Drei gewaltige Düsen ragten aus dem Heck eines blau schimmernden Flugkörpers, am Leitwerk wuchsen Schlingpflanzen hoch, die linke Tragfläche war unter der Pflanzendecke kaum noch zu sehen, die rechte schien zu fehlen.

Pauls Herz schlug wild, seine Gedanken begannen schneller und schneller zu rotieren. Schließlich bewegte er sich wie in Trance auf die Maschine zu. Das Leitwerk war über zehn Meter hoch, die Flügel waren deltaförmig. Das war kein Flugzeug.

Die fensterlose rechte Seite des Rumpfes waren aufgerissen, durch das Innere huschten einige kleine Nager. Im zusammen gedrückten Bug dieses Gefährts sah er die Reste der Steuerkanzel, die Fenster waren zerbrochen.

Erinnerungen stürzten auf ihn ein und begannen sich in seinem Kopf zu formieren, er musste sich auf einen umgestürzten Baum setzen und legte seinen Kopf in die Hände. Er schaute noch einmal zur Steuerkanzel hoch und las dort den Namen des Gefährts: “Blue Öyster”.

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Die Erinnerungen begannen sich etwas zu sortieren.

Lügen über Lügen. Europa, Chaos, Zusammenbruch der Zivilisation, alles Lügen.

Nun ja, Europa nicht ganz.

Er stand auf und ging wie durch einen Nebel zu seinen Freunden zurück, die ihn mit einer Mischung von Erstaunen, Furcht und Spannung erwarteten. Er sah sie nicht an, als er zu einer Erklärung ansetzte.

“Wir haben euch belogen. Wir kommen nicht von hier, wir kommen von da oben”, sagte er wirr und wies mit der Hand unbestimmt nach oben.

“Mit diesem - Flugzeug - da”, fragte Dag.

“Das ist kein Flugzeug, versteht ihr? Wir kommen nicht von hier, überhaupt nicht von hier.”

“Ja, du hast es uns erzählt. Ihr kommt aus Europa.”

“Wirklich, daher kommen wir, zumindest ein Teil von uns”, stieß Paul bitter hervor. “Wisst ihr, wo das ist? Milliarden von Dreb entfernt. Wir kommen überhaupt nicht von dieser Welt, wir kommen aus dem Weltraum, von den Sternen. Das ist kein Flugzeug. Die 'Blue Öyster' da drüben ist ein abgestürztes Sternenschiff.”

Hier endet der erste Teil der Geschichte,
der eigentlich der zweite Teil ist.
Ab 22jul10: 333 Bes.